04.09.2022
Denise Fernholz

»Einschlafen mit Wikipedia«: Wie macht man einen Podcast, der mit Absicht langweilig ist?

Egal, ob es um Interviews, Comedy oder Sport geht – wer einen Podcast startet, hofft darauf, dass der Inhalt die Hörer:innen fesselt. Es gibt nur ein Genre, in dem sich die Macher:innen freuen, wenn sie das Feedback bekommen, dass der Inhalt langweilig und die Stimme monoton ist: Einschlaf-Podcasts. Einer der erfolgreichsten in Deutschland heißt »Einschlafen mit Wikipedia«. Das Konzept ist so einfach wie genial: Es werden Wikipedia-Einträge vorgelesen. Die Produktionsfirma Schønlein Media hat das Portfolio mittlerweile noch um »Einschlafen mit True Crime«, »Einschlafen mit Hogwarts«, »Einschlafen mit Geschichte«, »Einschlafen mit Geräuschen«, »Einschlafen mit Musik« und »Bedtime with Wikipedia« ergänzt.

Aber wie kam Schønlein Media auf die Idee? Was muss man bei einem Einschlaf-Podcast beachten? Und weiß Wikipedia eigentlich von dem Podcast? Das habe ich Florian Kasten, Geschäftsführer und Podcast Producer bei Schønlein Media im Interview gefragt.

Das Interview ist zuerst in unserem Weekly Podcast-Newsletter MIXDOWN im September 2021 erschienen. Mehr zum Thema gibt es auch bei unseren Kolleg:innen von OMR: »Das Business mit Einschlaf-Podcasts: Warum langweilige Formate Millionen-Reichweiten haben«.



Interview mit Florian Kasten über »Einschlafen mit Wikipedia«

In unserem Weekly Podcast-Newsletter MIXDOWN gibt es eine etwas ungewöhnliche Interview-Rubrik. Für die habe ich mich von der Zeitschrift NEON inspirieren lassen (treue Leser:innen wissen natürlich, dass ich früher in der Online-Redaktion von NEON gearbeitet habe). Auf der letzten Seite war immer ein Interview mit einem Promi. Aber nicht mit Frage, Antwort, Frage Antwort. Sondern die besten Sätze aus dem Interview standen für sich. Die Rubrik hieß »Vom Leben gelernt«. Nur interviewe ich keine Promis sondern Leute hinter den Podcast-Kulissen, die Learnings aus ihren besonders erfolgreichen oder innovativen Formaten verraten. Jeder Satz soll für sich stehen. Deswegen heißt die die Rubrik »Vom Podcast gelernt«. Wenn ihr Interesse an wöchentlichen, knackigen Interview habt, dann abonniert unbedingt unseren Weekly! Aber hier nun das Interview:

Florian Kasten, Geschäftsführer und Podcast Producer bei Schønlein Media
Gelernt vom Podcast »Einschlafen mit Wikipedia«

»Unser Podcast ist keine offizielle Kooperation, aber Wikipedia weiß, dass es uns gibt. Sie wollen bald auch selbst Podcasts machen und haben schon gefragt, ob wir Interesse haben.«

»Angefangen hat alles damit, dass ich mal im Rahmen einer Konferenz auf einem Networking-Event in einem Schulungsraum saß. Nach der Vorstellungsrunde hab ich gemerkt, dass jemand von Wikipedia neben mir sitzt. In einer Kaffeepause habe ich ihn angequatscht und ihm von meiner Podcast-Idee erzählt.«

»Wir hatten überlegt, welches Thema hat eine Zielgruppe von 100 Prozent? Schlafen! Jeder Mensch muss schlafen. Und Wikipedia geht der Content nie aus.«

»Die Herausforderungen sind genau gegenteilig zu normalen Podcasts. Man muss möglichst monoton und langweilig sein. In ein paar Folgen haben wir ausprobiert, Soundeffekte einzubauen, wenn es zur Geschichte passt. Da haben uns dann aber Leute geschrieben, dass sie damit nicht einschlafen können. Also haben wir sie wieder weggelassen.«

»Ein Feedback, über das sich wahrscheinlich kein anderer Podcaster freuen wird: ›Ich hab noch nie eine Folge zu Ende gehört.‹ Da geht uns das Herz auf.«

»Ein Einschlaf-Podcast muss ein bisschen wie der langweilige Physiklehrer aus der vierten Klasse sein. Es darf nicht zu emotional werden. Die Wissensvermittlung ist bei uns genauso trocken, wie es sein muss.«

»Wo will ich meine Hundeleine besser verkaufen als in einem Gassigeh-Podcast? Ich glaube, dass Podcasts für bestimmte Situationen eine große Zukunft haben.«

»Es gibt diese ganzen Interview-Podcasts, daher auch der Spruch: ›Jeder hat einen Podcast und jeder war schon mal bei jedem zu Gast.‹ So breit ist die deutsche Promi-Landschaft eben nicht. Das waren die ›low-hanging fruits‹, die langsam erschöpft sind. Context-driven Podcasts werden immer wichtiger.«

»Ich glaube, der Erfolg liegt darin, dass es eben nicht so super professionell ist. Wir sind keine Hochglanz-Produktion. Wir sind einfach: Tilman und Fine lesen dir was zum Einschlafen vor. Die verlesen sich auch manchmal.«

»Die Vielfalt der Themen ist natürlich auch ein großer Erfolgsfaktor. Wir haben jede Woche zwei neue Themen, das heißt zwei neue Zielgruppen, die wir erreichen können. Wir haben 180 Folgen, wer da nichts findet, ist selber schuld.«

»›Einfach mal machen‹ war das größte Learning überhaupt. Und viel auf Feedback hören. Aber auch lernen, wann Feedback unnötig ist. Wir haben irgendwann angefangen, immer mal wieder zu gendern. Dafür haben wir viel Gegenwind bekommen. Wir wussten: Wenn die sich aufregen, sind wir genau auf dem richtigen Weg.«

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Denise Fernholz

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