29.07.2022
Maren Groß

Faszination Mord und Totschlag: Wieso lieben besonders Frauen True-Crime-Podcasts?

»Und, welcher ist dein Lieblings-Mord?« Man bewegt sich auf einem schmalen Grat, wenn man gerne True-Crime-Podcasts hört. Darf man sich als Fan von wahren Verbrechen bezeichnen? Schwierig. Es sind die Podcasts, in denen aufwendig recherchierte Fälle für uns Hörer:innen aufbereitet wurden, die mich faszinieren.

2020 wurden laut polizeilicher Kriminalstatistik deutschlandweit insgesamt 5.310.621 Straftaten registriert. Gefühlt genauso häufig ploppen neue True-Crime-Episoden auf, die über all diese Straftaten berichten. Naja, vielleicht nicht ganz so viele. Ist das jetzt ein gutes Zeichen?

Während vor vier Jahren gerade einmal »ZEIT Verbrechen« oder »Mordlust« in den Podcast-Apps unter der Kategorie »True Crime« auftauchten, kommt man heute gar nicht mehr hinterher mit dem verschiedenen Formaten: »TRUE CRIME – Tödliche Verbrechen«, »True Crime Germany«, »MORD AUF EX«, »Serienkiller«, »Weird Crimes«, »Verbrechen von nebenan«, »Schwarze Akte«, »Mordlausch«, »Tatort Berlin« … Ich könnte ewig so weiter machen. Worauf ich aber hinauswill: Der Markt für True-Crime-Podcasts boomt. Warum ist das so?

Generell kommen immer mehr Podcasts auf den Markt. Allein auf Spotify gibt es über 3,6 Millionen Podcasts, 70.000 davon sind deutschsprachige Formate. Apple Podcasts bietet mehr als zwei Millionen kostenlose Sendungen. Der Podcast-Markt ist in den letzten Jahren generell explodiert, da liegt es auf der Hand, dass auch immer wieder neue True-Crime-Formate aus dem Boden sprießen.

Frauen hören besonders gerne True-Crime

Laut unserer Podstars Umfrage 2022 sind 53,1 Prozent der Podcast-Hörer:innen, unabhängig vom Genre, männlich, 46,6 Prozent sind weiblich. Kann mal also auch sagen, dass die Verteilung einzelner Podcast-Formate ähnlich ist? Nicht ganz. Laut einer Umfrage von PodRatings von 2020 kommt das bei »Fest & Flauschig« (42 % männlich, 58 % weiblich) oder bei »Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten« (47 % männlich, 53 % weiblich) in etwa hin.

Bei True-Crime-Formaten sieht die Verteilung nicht so ausgeglichen aus: 82 Prozent der Hörer:innen von »ZEIT Verbrechen« sind weiblich. Bei »Mordlust« sind es nahezu 90 Prozent. Irgendetwas scheint die weiblichen Hörerinnen also an wahren Verbrechen zu faszinieren – mich eingeschlossen. Deshalb stellt euch jetzt vor, wie ich vor meinem Detektivbrett stehe, Fakten und Bilder zusammentrage und mit roten Bindfäden miteinander verbinde. Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Wieso lieben Frauen True-Crime-Podcasts so sehr?

Klassische Thriller oder Krimis zu lesen oder alle paar Wochen pünktlich um 20:15 Uhr »Aktenzeichen XY« einzuschalten (wo pro Sendung ca. 5 Millionen Zuschauer:innen einschalten), stehen bei mir regelmäßig auf dem Programm. Perfekt also, dass auch es auch Podcasts gibt, die sich mit schaurigen Verbrechen beschäftigen. 

Letzte Woche wurden die Zahlen der »ma Podcast« der agma (Arbeitergemeinschaft Media-Analyse) für den Monat Juni veröffentlicht. Der Neueinstieg »Mordlust« sicherte sich dabei mit knapp 3,5 Millionen Downloads direkt den vierten Platz. »ZEIT Verbrechen« ruht sich bereits seit Monaten in den oberen Rängen aus. Wenn man sich die Top 10 Downloads der »ma Podcast« von Juni 2022 anschaut, lassen sich vier der zehn Podcasts in die Kategorie »Wahre Verbrechen« einordnen. In den Top 30 ist das Genre True Crime ebenfalls Spitzenreiter.

Werfen wir mal einen Blick auf die Top 5 der True-Crime-Formate in den Apple-Charts (Stand 26. Juli 2022). Dort sind folgende Formate vertreten:

  1. Verbrechen von nebenan: True Crime aus der Nachbarschaft
  2. Mordlust
  3. MORD AUF EX
  4. Darf’s ein bisserl Mord sein?
  5. Schwarze Akte – True Crime 

Bei Spotify sieht es ähnlich aus (Stand 29. Juli 2022):

  1. Mordlust
  2. MORD AUF EX
  3. Serienkiller – Mörder und ihre Geschichten
  4. Verbrechen von Nebenan: True Crime aus der Nachbarschaft
  5. Weird Crimes

Mir fällt direkt eine Sache auf, wenn ich mir die Charts anschaue. (Fast) alle der oben genannten Podcasts werden von Frauen gehostet. Ein Genre von Frauen für Frauen?  

Erst vor wenigen Wochen saß ich im Publikum der Live-Show von »Mordlust« in Düsseldorf. Mit mir ca. 5000 weitere Besucher:innen. Während ich da mit einer Freundin und meinem Popcorn auf die beiden Hostinnen des Podcasts wartete, ist mir etwas aufgefallen: Das Publikum bestand zum Großteil aus Frauen.

Dass True-Crime-Podcasts beliebt sind, lässt sich also nicht bestreiten. Dass sie von Frauen besonders oft und gerne gehört werden, bestätigt auch eine aktuelle YouGov- und Statista-Umfrage. Knapp ein Viertel der befragten Frauen gaben an, gerne True Crime als Podcast-Genre zu hören. Damit machen sie laut einer Studie der University of Nebraska-Lincoln 75 Prozent aller True-Crime-Podcast-Hörer:innen aus.

Frauen hören gerne True-Crime-Podcasts: Das sind die Gründe

Kelli Boling ist Assistenzprofessorin für Werbung und Public Relations an der Hochschule für Journalismus und Massenkommunikation der University of Nebraska-Lincoln. Sie führte eine Studie durch, die 2018 im Journal of Radio & Audio Media veröffentlicht wurde und stellte sich genau diese Frage: Warum hören ganz besonders Frauen so gerne True-Crime-Podcasts?

Aus ihrer Befragung ließen sich drei Motivationsfaktoren, wieso Frauen so gerne True-Crime-Podcasts hören, ableiten: 

  • Eskapismus: Wahre Verbrechen sind eine gesunde Mischung aus Unterhaltung und Nachrichten. Die Grenzen sind fließend. Egal, ob man ein Buch liest, einen Film schaut oder einen Podcast hört: Man flüchtet aus dem Alltag in eine andere, schaurige Welt.
  • Voyeurismus: Das Wort ist üblicherweise negativ konnontiert. In diesem Fall meint es, laut Boling, aber eher Neugierde. Das Ergebnis der Studie: Frauen lieben es, einen Blick in das Leben, die Gedanken und die Untaten eines anderen zu werfen. 
  • Soziale Interaktion: Soziale Interaktion als Motivation einen True-Crime-Podcast zu hören? Klingt für mich eigenartig. Aber es liegt doch eigentlich auf der Hand: Wenn wir True-Crime-Podcasts hören, werden wir selbst zu Detektiv:innen, Anwält:innen und Gerichtsmediziner:innen. Wir spinnen Theorien, hinterfragen Urteile und googeln uns durch alle möglichen Foren oder Online-Artikel. Aber auch Gespräche mit »Gleichgesinnten« über eine True-Crime-Episode schweißen zusammen.

Denkweisen von Täter:innen verstehen

Eine Studie unter der Leitung von Amanda Vicary, Expertin für Kriminalpsychologie, hat sich ebenfalls mit der Frage beschäftigt, wieso sich besonders Frauen für Geschichten über Mord und Vergewaltigung interessieren. Sie stellte fest, dass True-Crime – ob in Form von Büchern, Filmen, Podcasts oder Dokumentation – Frauen hilft, die Denkweise von Kriminellen zu verstehen. Wieso hat der/die Täter:in das getan? Was waren die Motive? Kannten Opfer und Täter:in sich? Wie ist das Opfer in die Falle getappt? Vicary vermutet, dass Frauen beim Konsum unbewusst Informationen aufnehmen, die ihnen bei solchen schrecklichen Situationen hilfreich sein können, um zu verhindern, dass sie selbst Opfer eines Gewaltverbrechens werden.

Spannende Erzählweise 

Als Vicary die Reaktionen von Männern und Frauen auf einen True-Crime-Podcast untersuchte, stellte sie fest, dass die weiblichen Zuhörerinnen ein höheres Maß an Beklemmung zeigten als die Männer. Nichtsdestotrotz hörten die Frauen den Podcast weiter. Das Bedürfnis zu wissen, was als Nächstes passiert, überwog das Beklemmungsgefühl. 

True-Crime sind echte Verbrechen

Okay, das liegt auf der Hand, weil »True Crime« übersetzt einfach »wahre Verbrechen« heißt. Dass reale Fälle behandelt werden, gaben 54 Prozent der Befragten (Männer wie Frauen) der Umfrage von YouGov und Statista als Grund an, wieso sie gerne True Crime hören. Die Faszination von wahren Verbrechen geht eben davon aus, das sie wahr sind. Sie hätten (oder sind vielleicht sogar) genau so auch in der eigenen Nachbarschaft stattfinden können.

Meine persönlichen Gründe

Ich persönlich kann all diese Gründe zu 100 Prozent unterschreiben. Ich bin gerne Detektivin und finde es faszinierend, vermeintlich in die Köpfe der Täter:innen zu schauen. Und irgendwie ist es paradox: Je mehr ich mich mit Kriminalfällen beschäftige, desto weniger Angst habe ich davor, selbst Opfer zu werden, weil ich mich gut informiert und sicherer fühle.

Für mich steht fest: Bis es einen Fall gibt, in dem jemand beim True-Crime-Podcasthören überfallen wurde, begleiten mich Mord und Totschlag auch weiterhin im Dunkeln auf dem
Nachhauseweg.

Maren Groß

Podcasts hören und darüber schreiben? Traumjob! Maren ist Redakteurin bei Podstars by OMR, ihre Texte sind auf dem Blog und im MIXDOWN-Weekly-Newsletter zu lesen.

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