22.03.2022
Maximilian Lembke

»Lost in Neulich« – Eine Podcast-Soap für Anfänger*innen?

Podcast-Soap Lost in Neulich

Nur wirklich eingefleischte Soap-Fans dürften sich an die allererste Folge ihrer Lieblingsserie erinnern. Die Kulisse mag dieselbe geblieben sein, aber nach 1758 Folgen konnte auch bei den Bewohnern der »Lindenstraße« kein Stein mehr haargenau auf dem anderen liegen, wie noch in 1985, als die erste Ausgabe ausgestrahlt wurde. Welche Ansprüche muss ich also an Folge 1 von »Lost in Neulich – Kein Dorf für Anfänger«, die neue »Podcast-Soap« der ARD, stellen? 

Der Reihe nach: Mit wem und was haben wir es hier eigentlich zu tun?

Worum gehts im Podcast »Lost in Neulich«?

Die fünfköpfige Familie Lüders zieht aus der Stadt auf das Land. Mutter Sandra verdient die Brötchen bei einem Energiekonzern, Vater Thomas will sich als junggebliebener Musiker verwirklichen, Sohn Justin ist aktuell Berufspubertierender, Tochter Jana findet sich noch als genderfluide FFF-Revoluzzerin zurecht und das Baby Finja schaut sich alles aus ihrem Kindersitz an. 

Gemeinsam zieht die Familie in Sandras Heimatdorf Neulich. Dort wohnt noch Sandras Mutter. Es wurden auf ihrem Hof Familienurlaube verbracht, so wirklich war Sandra aber seit Jahren nicht mehr dort. Nun sind es berufliche Gründe, die sie zurückbringen: Sie soll den Bau einer Batteriezellenfabrik in Neulich vorantreiben und vor Ort Überzeugungsarbeit leisten. Die Kinder sind genervt, Thomas sieht es locker, eine »Chance, sich neu zu erfinden« und denkt daran, eine Musikschule zu eröffnen oder sogar ein Festival auszurichten. 

Schon in der Ankündigung zur Serie steckt so viel Verschiedenes drin, dass ich persönlich erstmal lost bin. Comedy, Drama und Mystery – ich bin zugegebenermaßen kein Soap-Fachmann (wenn es so etwas überhaupt gibt), aber dieser Mix klingt für das Genre schon wild. Brauchte es nicht sonst nur das Drama?

In der Regel haben es Zuschauer*innen (bzw. hier Zuhörer*innen) nämlich mit sehr seichten Erzählungen zu tun. Wirklich Unbequemes wird eher vermieden, darüber täuschen auch die wenigen politischen »Skandale« in der Lindenstraße in 34 Jahren nicht hinweg. Die Charaktere sind oft einfach gehalten, dafür können sie sich einfach nicht aus dem Weg gehen. Spannung entsteht also im Wesentlichen durch die oberflächliche Reibung. 

Das soll das Format nicht diskreditieren, denn es ist nicht umsonst sehr erfolgreich. Die Erzählungen verfangen und animieren zum Weiterschauen. Cliffhanger machen es möglich. Was steckt also in diesem wilden Mix?

Comedy – Wo sind die Lacher?

Das Setting und die Dynamik ist mindestens so alt wie die Lindenstraße: Familie zieht um, also alle rein in die Familienkutsche und es wird mal durcheinander gewitzelt und gestichelt. Zwei pubertierende Kinder – da schreiben sich die Pointen aus einem bunten Klangbild aus Kinderhörspiel, »Schloss Einstein« und »Jugendwort des Jahres« quasi von selbst. Alles »voll peinlich«, alles »ey, och nee«. 

Die Eltern amüsiert es. Vater Thomas ist als Charakter bereits als Ulknudel ohne Führerschein angelegt, versucht für sein Alter viel zu cool zu sein und besticht mit Boomer-Humor in Reinform jenseits der überempfindlichen Grenzen eines Teenagers (zu Justins Freundin Michelle am Telefon: »Hier spricht dein zukünftiger Schwiegerpapa!«). Er schafft es so, Mutter Sandra aus ihrer Rolle als starke Steuerfrau der Familie soweit herauszulocken, bis sie auch Flachwitze reißt und selbst wie ein Teenager kichert.

Das rüttelt allerdings keineswegs an ihrer Rolle am Steuer, die sie offensichtlich auch gerne mal auskostet gegenüber ihrem kindischen Gatten. Thomas glaubt, seinen Großstadttraum von einer Band und einer Musikschule im Tausend-Seelen-Nest Neulich weiterzuleben, sodass ihn die dorferprobte Sandra wohl nicht das letzte Mal mit spitzen Bemerkungen auf den nun nicht mehr so sauber asphaltierten Boden der Tatsachen zurückholen muss: »Dir ist aber schon klar, dass Neulich nicht gerade ein künstlerischer Hotspot ist.«

Die nörgelnden und träumerischen Städter treffen auf die bodenständige Wirklichkeit der »Land-Eier«: Na, das kann ja was zum Schmunzeln werden. Und wenn dann auch noch ein Reifen auf der Landstraße platzt und die »Herren der Schöpfung« nicht weiterwissen – uiuiui…

Drama – Wo wird es brisant?

Der hometurf für jede Soap: Wer mit wem? Wer führt Böses im Schilde? Wo ist Konflikt und Streit vorprogrammiert? Da reicht ein Reifenplatzer in der Pampa nicht aus, um Zuhörer*innen bei der Stange zu halten. 

Dann schon eher Beziehungskrach: Bei Justin und seiner Freundin ist die Luft raus. Zumindest für sie. Sie macht Schluss. Dann auch noch am Telefon. Und sie hat schon einen Neuen. Natürlich Justins bester Kumpel. Auch das noch. Wird sich Justin davon erholen in der Fremde? Wer will da nicht dranbleiben? 

Liebe ist ein starker Erzählungstreiber: Es kann so viel schiefgehen und wirklich jede Idylle durcheinanderwerfen. Und wie bei einer Reifenpanne, wer vorbeifährt kann erstmal nicht wegsehen: 

Besonders im Dorf wird das schwer, wenn jeder jeden kennt. Neulich ist da nicht anders: Auch hier haben Autos mal eine Panne und jeder hilft sich, und sei es mit dem neuesten Tratsch. Trude versorgt das Dorf anscheinend nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit Neuigkeiten. Es hat sich herumgesprochen, dass Sandra zurückkommt. Das erfährt auch der Mechaniker Marc – Sandras verflossene Jugendliebe (»Das weiß hier jeder.«) – während er den Anlasser von Trudes Lieferwagen begutachtet. Wie wird Sandra damit umgehen, wenn sie Marc trifft? Noch wissen wir wenig über Sandras Kindheit in Neulich. Aber eines wissen wir: »Den ersten vergisst keine Frau.« Spürt ihr ein Knistern?

Und dann ist da noch der umstrittene Bau der Batterienzellenfabrik. Wer hat da nicht direkt einen GZSZ-Ganoven wie Jo Gerner vor Augen? Herr Katz, der Chef von Sandra, klingt in dem kurzen Telefonat mit ihr dagegen eher wie der Ur-Typ »Vorstand« an den langen Tafelrunden hochdotierter Frühstücksdirektoren, die alle Thomas oder Christian heißen: »Sie genießen das volle Vertrauen der gesamten Ökowest GmbH & Co. KG«. Ausreden lässt er sie trotzdem nicht.

Mystery – in einer Soap ein großes Rätsel

Kommen wir zu Mystery. In Hochzeiten von »True Crime« wirkt dieses Element in einer Soap eher mutig. Es ist deswegen wenig verwunderlich, dass genau hier die Serie noch eher zaghaft ist, diesen etwas anderen Akzent zu setzen. Dabei bewegte sich die Autorin der Serie Natalie Tielcke bereits in ihren bisherigen Büchern zwischen Titeln, die Mystery zumindest erahnen lassen und sich sehr gut in den Vorabend bei den Öffentlich-Rechtlichen eingliedern könnten.

Das »Rätsel«, das in die Kategorie Mystery fallen könnte, wird in dieser ersten Folge eher im Nebensatz abgehandelt als wirklich entwickelt: Sandras Vorgängerin in der Rolle der »Kommunikationsbeauftragten« des Projekts, Heike Fuchs, scheint spurlos verschwunden zu sein. Seit Tagen ist sie nicht erreichbar. Für den Moment sind es aber nur »Ungereimtheiten«, die Chef Katz wenig interessieren. Welcher Chef schert sich schon darum, ob seine Mitarbeiterin noch zur Arbeit erscheint, ans Telefon geht oder eben nicht? Dann wird eben gekündigt und nicht weiter gefragt. Oder hat er etwa etwas damit zu tun? 

Ein unscheinbares Dorf, eine rücksichtslose Firma, ein umstrittenes Projekt und eine verschwundene Mitarbeiterin – das größere Rätsel ist an dieser Stelle: Was wird die die Serie daraus noch machen, dass es sich von anderen Vorabendserien in der ARD und ZDF abheben kann?

Erste Erfolge?

Gibt es für diese Art der Erzählung eine Zielgruppe? Sicherlich. Gibt es für dieses Format ein Publikum? Absolut keine Ahnung. Denn für ein Experiment »Soap als Podcast« nimmt sich »Lost in Neulich« einiges vor. Die Themen auf der zweiten Ebene sind nicht unbrisant, wenn auch manchmal schon am Rande der Aktualität und eher uninspiriert vorgetragen: 

Tochter Jana wird dabei ganz schön viel aufgebürdet, wenn sie die nicht unkomplexen Themen Geschlechteridentität und Klimabewusstsein wirklich ernstzunehmend in das Setting tragen soll. Während Herr Katz alte Rollenbilder festtreten soll, lockern Sandra und Thomas diese wieder auf: Sandra sitzt am Steuer, kann dieses auch als einzige bedienen und währenddessen Karriere und Familie gleichzeitig managen, obwohl sie erst kürzlich nochmal Mutter geworden ist. Thomas begreift diese Umstand sogar als befreiend, schließlich kann er so seinen Leidenschaften weiter folgen. Mit dem Reifenplatzer geht dieser Dynamik allerdings ganz schnell wieder die Luft aus: Viel weiter, als dass Frauen auch einen Reifen wechseln können, ist die Serie in ihrem Feminismus dann doch nicht. Schade.

Schon die Lindenstraße hat sich an Kontroverseres herangetraut und ging z. B. mit dem ersten Kuss zweier homosexueller Männer im deutschen Fernsehen in die Geschichte ein. Ja, der Vergleich ist mehr als gewagt und sicherlich ein paar Nummern zu groß für dieses neue, junge Format: Nichtsdestotrotz fehlt mir eine Mutter Beimer, die kultig schockiert in die Kamera blickt, ehe die Episoden abrupt enden und die Zuschauer*innen gespannt auf dem Sofa zurücklassen. Ein solches Element hätte diesem Piloten sehr gut getan, wenn am Ende der Folge die Familie gemeinsam mit einem Krankenwagen am Hof der Großmutter eintrifft. Cliffhanger sind dann doch nicht immer Geschmacksträger. 

Ihr merkt: Ich tue mich schwer mit dem Genre und bin tatsächlich »lost« in diesem Format. Was bleibt ist also meine Hoffnung, die Erwartungen an die Serie sauber gesetzt zu haben. Dennoch: Herzliche Einladung an alle Soap-Fans, »Lost in Neulich« eine Chance, und mir eine Einschätzung und Feedback zu geben.

lost in neulich podcast cover
»Lost in Neulich – Kein Dorf für Anfänger« – neue Folgen findet ihr jede Woche in der ARD-Audiothek.

Foto: © Radio Bremen / Anette Korroll


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Maximilian Lembke

Mausert sich vom Podcast-Fan zum Redakteur. Bewegt sich meist irgendwo zwischen Flaschenpost und Feuilleton, zu lesen im MIXDOWN-Newsletter oder hier im Blog.

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