26.07.2023
Maren Papenbroock

KI im Podcasting – Fluch oder Segen? Das sagt die Branche dazu

Podcast-KI-Branche

Es gibt derzeit einen großen Hype um KI – und es tauchen immer mehr neue KI-Tools für Podcaster*innen auf. Künstliche Intelligenzen (KI) können beim Transkribieren, Untertitel erstellen, Schneiden, Jingles oder auch Covererstellung von Podcasts hilfreich sein. 

Klingt ja erstmal gut! Man könnte schnell annehmen, dass die Technologie Arbeit abnimmt und den Alltag erleichtert. Aber wo liegen die Vor- und Nachteile, wenn man KI fürs Podcasting verwendet? Und: Wird das Angebot an KI überhaupt genutzt? Dafür haben wir mal bei einigen Kolleg*innen aus der Branche nachgefragt.

Anna Germek, Schönlein Media

Anna Germek, Redaktion & Produktion Schønlein Media

Nutzt ihr eine KI in eurem Arbeitsalltag?

Ich würde sagen, im Arbeitsalltag sind wir mittlerweile heavy KI-User*innen: Angefangen hat ja alles mit ChatGPT: Das Tool nutzen wir, um für manche Formate (wie »Quiz Time«) die Rohfassung von Texten schreiben zu lassen oder auch, um uns Inspirationen zu holen. Letztendlich: ChatGPT gibt uns oft einen Stups, aus dem wir dann unser eigenes Ding machen. Wir nutzen aber auch KI-generierte Stimmen, für zum Beispiel »Wissen Daily« und »Quiz Time«, und basteln mit Midjourney Social Media Content (Nimbus3000) oder Podcast-Cover. Für Reels von Nimbus 3000 ist uns AutoPod auch eine große Hilfe. Gerade für die Texte von »Wissen Daily« benutze ich ChatGPT nicht, weil die Infos oft nicht stimmen (oder komplett erfunden sind) und das für meinen und unseren journalistischen Anspruch natürlich nicht passt. Die Texte waren mir oft auch nicht authentisch genug. Da bin ich schneller und routinierter, wenn ich sie von vornherein selbst schreibe. 

Welche Chancen und Gefahren birgt KI im Podcast-Alltag? 

Wir merken ganz klar, dass uns die verschiedenen Tools im Alltag sehr erleichtern. Wir sparen so viel Zeit für Tasks, die wir in das Ausgestalten und Weiterentwickeln der Formate stecken können. Dadurch sind wir viel effizienter. Die klassische Sorge ist natürlich, dass KI Menschen irgendwann ersetzt. Ich glaube eher, dass es sich – wie bei den vergangenen Entwicklungen auch – eher verschieben wird und sich neue Felder ergeben werden. Beispielsweise für Midjourney: Es gehört auch einiges dazu, zu wissen, wie man am besten promptet, um die besten Ergebnisse zu kriegen.

Ich bin gespannt, wie sich die Entwicklungen auf die Branche der Sprecher und Sprecherinnen auswirkt. Vielleicht wird es mal ein Qualitätsmerkmal, wenn eine menschliche Stimme spricht? Oder Menschen wollen einfach aus Prinzip nur menschliche Stimmen hören, auch wenn man keinen Unterschied erkennt? Da kommt sicherlich auch eine ethische Komponente dazu, die ganz neue Diskussionen aufmacht und über die wir uns dann mal als Branche oder Gesellschaft Gedanken machen können. 

Inwiefern kann KI den Podcast-Markt verändern? 

Wir glauben, dass es den Podcast-Markt auf jeden Fall beeinflussen und auch verändern wird, aber wir alle vielleicht im Moment noch gar nicht so genau einschätzen können, inwiefern. Gerade für Infotainment-Formate wie »Wissen Daily« ist KI wahrscheinlich die Zukunft. Ich könnte mir also vorstellen, dass es dem Markt also einen neuen Wind gibt – ob der positiv oder negativ ist, ist wahrscheinlich ein bisschen Ansichtssache. Es bleibt also spannend, vor allem wenn man bedenkt, dass wir mit all diesen Tools noch ganz am Anfang stehen. Aber trotzdem finde ich es wichtig, mit jeder Neuerung immer auch zu hinterfragen, welche Auswirkungen das hat und verantwortungsvoll damit umzugehen. 

Welche Podcast-Formate könnten besonders von KI profitieren? 

Für unser Wissensformat »Wissen Daily«, bei dem wir jeden Tag eine alltagsnahe, spannende Frage beantworten, nutzen wir schon eine KI-Stimme. Wir nennen ihn liebevoll Tom und er wechselt mich beim Sprechen in jeder dritten Folge ab. Das erleichtert meinen Alltag sehr, denn ich kann Folgen ziemlich kurzfristig produzieren, ohne selbst ins Aufnahmestudio zu müssen. Besonders hilft mir das auch, wenn ich eine Folge zu aktuellen Themen machen möchte. Für unser Cover hatten wir auch Unterstützung von einer KI. 

Daniel Sprügel, Maniac Studios

Daniel Sprügel, Gründer & Inhaber von Maniac Studios

Nutzt ihr eine KI in eurem Alltag?

  • ChatGPT: Brainstorming, Content Ideen, Strukturierung von Daten, Copywriting, Zusammenfassungen, Podcast-Titel
  • Midjourney: Erstellung von Designs, Grafiken und Social Media Postings
  • Autopod: Automatisches Multi-Camera Video Editing für Premiere Pro
  • Riverside.fm: Transkription
  • ElevenLabs VoiceLab: Kreation von künstlichen Sprechstimmen für Podcast Inhalte (z. B. als Platzhalter bei Podcast Pitches)

Inwiefern kann KI den Podcast-Markt verändern?

KI wird den Podcast-Markt, wie die komplette Businesswelt, in seinen Grundzügen verändern und durcheinander rütteln. Wie genau weiß noch keiner. Repetitive und kreative Aufgaben wie z. B. Editing, Sound Design, Produktion, Campaign Planning oder Copywriting werden zukünftig von einem KI-Tool entweder komplett übernommen oder der menschliche Aufwand wird deutlich reduziert. Das hat zur Folge, dass viele Jobs, auf denen heute zahlreiche Geschäftsmodelle basieren, überflüssig werden. Zusätzlich wird es zu einer Schwemme an KI-only produzierten Formaten kommen. Davon wird sicherlich ein Großteil wieder auf dem Podcast-Friedhof landen, aber einige wenige werden uns alle von der Qualität her überraschen.

Auch wir von Maniac Studios sind als Podcast-Agentur durch diesen technologischen Fortschritt »betroffen«. Daher beobachten und testen wir zahlreiche KI-Tools ganz genau, die uns jetzt die Arbeit vereinfachen und effizienter machen. Bestenfalls mit der Folge, vollkommen neue Geschäftsmodelle aufzutun, die wir heute noch gar nicht kennen. Hier ganz vorne mit dabei zu sein und technologieoffen zu sein, kann sicher nicht von Nachteil sein.

Welche Podcast-Formate könnten besonders von KI profitieren?

Richtig eingesetzt kann jedes Podcast-Format von KI profitieren, vor allem in der Prozessoptimierung: Angefangen bei der Vorbereitung / Recherche, über die Produktion bis hin zum Reichweitenaufbau. Besonders profitieren in meinen Augen die News-Formate, in denen bestehender Content (z. B. Online / Zeitungsartikel) als Podcast aufbereitet/recycled werden. Hier sehe ich gute Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung.

Welche Form der Anwendungen fehlt dir noch?

Viele der Tools, die wir getestet haben, funktionieren hervorragend auf Englisch. Mit Deutsch kommen einige davon aber an ihre Grenzen, da sie entweder gar nicht oder zu wenig mit dieser Sprache trainiert wurden. Auch Tools zur Audio Optimierung, wie das von vielen gefeierte Adobe Enhance Speech, liefern nicht immer gute Ergebnisse und führen beispielsweise dazu, dass Sprecher*innen lispeln oder unnatürlich klingen. Hier vertrauen wir noch der Erfahrung und dem Handwerk unserer Audio Producer. Noch. Denn man muss dabei bedenken, dass diese (Beta)Tools mit jedem Upload neue Trainingsdaten erhalten und dadurch exponentiell dazu lernen und besser werden.


Viele der Tools, die wir getestet haben, funktionieren hervorragend auf Englisch. Mit Deutsch kommen einige davon aber an ihre Grenzen, da sie entweder gar nicht oder zu wenig mit dieser Sprache trainiert wurden.

Daniel Sprügel


Beim Thema Audio Schnitt und dem automatischen Entfernen von z. B. Füllwörtern hat uns noch kein KI-Tool vollends überzeugt. Hier muss oft noch händisch nachgearbeitet oder korrigiert werden und der Aufwand ist derselbe. Aber da wir erst am Anfang der Entwicklung stehen, ist das alles eine Frage der Zeit, bis ein Tool uns alle mit der Qualität der Ergebnisse überrascht. 

Chris Guse, Geschäftsführer BosePark Productions

Nutzt ihr eine KI in eurem Arbeitsalltag?

Wir benutzen LLM’s (Large Language Model) vor allem im Umgang mit Texten. Bei Zusammenfassungen und Textvarianten unterstützen uns diese Modelle besonders gut. In der Recherche sind sie hilfreich, wenn man wie mit anderen Quellen auch vorsichtig bleibt und überprüft. Bild- und Video-Generierung probieren wir viel aus. Gerade was die schnelle Illustrierung von Konzepten und internen Docs betrifft, geht alles einfach schneller damit. 

Welche Chancen und Gefahren birgt KI im Podcast-Alltag? 

Das erscheint uns zu früh, um das wirklich beurteilen zu können. Wir sind in der großen Probier-Phase und erleben viel mediale Schaumschlägerei, was das Thema betrifft. Es gibt große Chancen, schneller und besser zu einem Ergebnis zu kommen, dazu müssen wir aber erstmal die Möglichkeiten ausprobieren.

Inwiefern kann KI den Podcast-Markt verändern?

KI und Automation machen die Produktion von Content möglich, der schneller und kleinteiliger ist, als wir es bisher von Podcasts gewohnt sind. Podcast wird jetzt eine echte Konkurrenz zum klassischen Radio, was Aktualität und Spontanität angeht. Bisher hat Podcast eher die Felder bedient, wo sich Radiosender einfach nicht getraut haben, jetzt könnte die wirkliche Audio Disruption passieren. (Da ist es wieder, dieses Wort 🙂.)

Welche Podcast-Formate könnten besonders von KI profitieren?

Wir glauben tatsächlich: alle. Ob schnellere Produktion, bessere Audioqualität oder ganz neue Formate, es ist ja jetzt schon alles dabei.

Welche Form der Anwendungen fehlt dir noch?

Ortsbezogene Daten dynamisch live im Podcast nutzen, um Inhalte besser anzupassen. Aber da wird uns wohl der Datenschutz (zurecht) einen Strich durch die Rechnung machen und/oder Spotify die Daten lieber bei sich behalten. »Drei Straßen weiter ist heute Nachmittag ein kostenloses Konzert« wäre schon stark, aber wohl auch etwas gruselig.

Luisa Abraham

Luisa Abraham, Managing Director Podcast Zebralution

Nutzt ihr eine KI in eurem Arbeitsalltag?

Wir nutzen KI vor allem, wenn es um die schnelle Erstellung von Texten, E-Mails, Ads und Social Media Posts geht. Da hat jedes unserer Zebras unterschiedliche Vorlieben. ChatGPT ist natürlich ein sehr mächtiges Tool. Wir nutzen aber auch Neuroflash, Writesonic, Creaitor.ai und die KI von Notion.

Welche Chancen und Gefahren birgt KI im Podcast-Alltag? 

Grundsätzlich sollte man unterscheiden zwischen KI die Arbeitsprozesse optimieren und erleichtern kann und eigentlicher Content-Creation. Bei den Tools zur Prozessoptimierung sehen wir das unbedingt als große Chance, weil es den Arbeitsaufwand reduzieren und man die Kapazitäten damit besser verteilen kann. Dass KI jetzt ganze Podcast-Shows oder Episoden erstellt mit quasi künstlichen Dialogen und Stimmen, sehen wir skeptisch, v. a. im nicht-fiktionalen Bereich und persönlichen Talk-Formaten, weil diese für entweder sehr gute journalistische Recherche stehen oder den persönlichen Zugang zu den Hosts. Das kann nur authentisch bleiben, wenn es auch wirklich »echt« ist.

Inwiefern kann KI den Podcast-Markt verändern?

Für uns ist ein wichtiges Thema »Fake News«. Wenn mehr Inhalte veröffentlicht werden, die mit KI erstellt und nicht überprüft sind, wird das gesellschaftliche Auswirkungen auf die Meinungsbildung haben. Da sind sicherlich neue Regeln erforderlich, wie man solche Inhalte kennzeichnet. Dies gilt auch für Themen wie »Stimmenkauf« und ähnliche Sachverhalte, wo es um die Rechte von Kreativen und Leistungsberechtigten geht.

Aber sicherlich wird KI auch dazu beitragen, die Prozesse um die Content-Creation herum noch professioneller zu machen.

Welche Podcast-Formate könnten besonders von KI profitieren?

Zum einen können Formate profitieren, die von Aktualität und Schnelligkeit leben. Zum anderen birgt es auch Chancen im Bereich von fiktionalen Shows und Contents, wo KI unterstützen kann, neue Plot-Twists zu finden, etc.

Welche Form der Anwendungen fehlt dir noch?

Die direkte Integrationsmöglichkeit von bestehenden KI-Tools in Aufnahme- und Editing-Software als auch die Hosting-Technologien wäre auf alle Fälle schon ein Anfang.

Martin Liss, Managing Partner Podcast360

Nutzt ihr eine KI in eurem Arbeitsalltag?

Wir experimentieren recht viel damit, insbesondere bei automatisierten Abläufen, und wir nutzen KI auch immer wieder, um uns kreativ inspirieren zu lassen. Bisher ist das aber ehrlicherweise zu 70 % Spielerei, die manchmal ganz nette Ansätze auswirft. Davon, dass KI komplett unseren Job macht und wir nur noch die Ergebnisse kontrollieren oder aufbereiten, sind wir Lichtjahre entfernt. (Mal sehen, was ich in zwölf Monaten dazu sage.)

Welche Chancen und Gefahren birgt KI im Podcast-Alltag? 

Außer dem Offensichtlichen (positiv: Arbeitserleichterung, negativ: Kontrollverlust) befördert KI vor allem die Faulheit. Es ist leichter, die Maschine ein paar Ansätze, Headlines oder Konzeptideen ausspucken zu lassen, als sich selbst den Kopf zu zerbrechen. Es ist einfacher, ChatGPT eine Formulierung finden oder einen Text zuspitzen zu lassen. Kreativität muss bekanntlich trainiert werden. Wer ChatGPT trainiert, verliert die Fähigkeit, selbst auf gute Sachen zu kommen.


»Wer ChatGPT trainiert, verliert die Fähigkeit, selbst auf gute Sachen zu kommen.«

Martin Liss


Inwiefern kann KI den Podcast-Markt verändern?

Eine der größten Herausforderungen ist Auffindbarkeit, da kann KI sicher helfen – und zwar noch viel besser als »Wer True Crime 1 mochte, wird auch True Crime 2 mögen«. Und wer weiß, was bei Zielgruppenanalysen, Marktbearbeitungsstrategien und Umsatzoptimierung zukünftig dank KI geht.

Welche Form der Anwendungen fehlt dir noch?

Mir fehlen noch richtig gute deutsche Sprechstimmen, mich hat bisher noch keine überzeugt. Vielleicht muss ich dafür mehr Geld bezahlen, oder vielleicht dauert es einfach noch ein bisschen – aber ich habe noch keine künstliche deutsche Stimme gehört, die mich emotional gepackt hat.

Was auch noch fehlt, ist die Rundum-Glücklich-Mach-Maschine: Daten rein, ein paar Eckpunkte definieren und nicht nur Konzept, Storytelling und Produktion nebst Stimme kommen perfekt raus, sondern auch gleich die zielgruppenscharfe Megavermarktung nebst Umsetzung, Leistungsnachweis und Banküberweisung.

Marie Seltmann, Head of Podcast & Marketing Auf die Ohren

Nutzt ihr eine KI in eurem Arbeitsalltag?

Ja, wir arbeiten hauptsächlich mit ChatGPT und besitzen einen firmeninternen Premiumaccount. Wir nutzen die KI vorrangig als Sparringspartner im Brainstorming. Wenn wir auf passende Namen für Podcastrubriken kommen wollen, SEO-optimierte Folgentitel und -beschreibungen texten oder Konzepte in der Formatentwicklung bauen, liefert ChatGPT gute Denkanstöße. Unsere Redakteur*innen erhalten so vielleicht nicht direkt die perfekte Lösung, kommen aber auf neue Ideen und können mit den Impulsen weiterarbeiten und Assoziationen entwickeln. Unseren Zugang nutzen wir auch für konkrete, faktenbasierte Recherchefragen – bei gleichzeitiger sorgfältiger Prüfung der Ergebnisse. Das ist z. B. für unseren Wissenschaftspodcast »Beats and Bones« total relevant.

Auch beim Bauen von Folgengerüsten von beispielsweise »So bin ich eben!« ist ChatGPT super hilfreich. Wenn man die KI mit dem richtigen Input füttert, kann man sich schnell und unkompliziert einen groben Überblick verschaffen oder wichtige Artikel zu dem betreffenden Thema zusammenfassen lassen. Dadurch stößt man mitunter auch auf Namen von passenden Interviewpartner*innen oder stellt schneller fest, ob die Folgenidee überhaupt für den Podcast funktioniert. Auch wenn man eine schnelle, neutrale Anmoderation oder Triggerwarnung braucht, kann die KI nützlich sein. Viele kleinteilige Arbeitsschritte können dadurch übersprungen werden.

Welche Chancen und Gefahren birgt KI im Podcast-Alltag?

ChatGPT hilft der Inspiration auf die Sprünge, verkürzt Arbeitsabläufe und regt die Kreativität an, wenn man – gerade bei Soloprojekten – in seinem eigenen Kopf feststeckt. Komplette Prozesse an die KI abzugeben, funktioniert für uns aber nicht. Es ist ein gutes Tool, man sollte aber äußerst vorsichtig im Umgang damit sein. Vor allem bei Talk- und Interviewformaten braucht es einfach ein zwischenmenschliches Gespür für den Moment, Emotionalität und Spontanität, wie sie nur in einer organischen Verbindung zwischen zwei Gesprächspartner*innen entstehen kann. Sobald es aber um faktenbasierte, wissenschaftliche Recherchen geht, kommt uns die KI als Ersteinstieg ins Thema zugute.


»Vor allem bei Talk- und Interviewformaten braucht es einfach ein zwischenmenschliches Gespür für den Moment, Emotionalität und Spontanität, wie sie nur in einer organischen Verbindung zwischen zwei Gesprächspartner*innen entstehen kann.«

Marie Seltmann


Inwiefern kann KI den Podcast-Markt verändern?

Essenziell ist, wie kompetent man im Umgang mit der KI ist. Je reichhaltiger man den Bot füttert, desto eher kann er einem dabei helfen, den Arbeitsprozess zu entschlacken. Das belebt den Podcastmarkt, gestaltet ihn dynamischer und moderner. Themen können schneller veröffentlicht, Pitches unkomplizierter verfasst und an Träger gesendet werden, kreatives Arbeiten wird leichtfüßiger und man kommt mitunter besser in den Gedankenfluss. Die Herkunft der Daten ist natürlich teilweise ungewiss, man kann sich nicht völlig auf die Antworten von ChatGPT verlassen und nicht immer nachvollziehen, aus welcher Quelle die Informationen bezogen wurden. Es ist nicht garantiert, dass die Fakten richtig sind, die KI interessiert sich nicht für Plagiate. Es ist also trotzdem zwingend notwendig, die Daten gegen zu checken und nicht blind zu verwenden. Auf die kreative wie redaktionelle Arbeitsleistung unserer Autor*innen können wir daher keinesfalls verzichten. 

Welche Podcast-Formate könnten besonders von KI profitieren?

Der schnelle, direkte Zugang zu einer riesigen Wissensdatenbank macht vor allem Wissenschaftspodcasts barrierefreier umsetzbar. Unsere Redakteur*innen müssen nicht zwingend Biologie studieren oder Tage mit Vorrecherche verbringen, um Skripte und Interviewleitfäden zu erstellen.

Welche Form der Anwendungen fehlt dir noch?

Es fehlt definitiv an nachvollziehbaren Quellenangaben. Die Antworten der KI sind niemals ohne kritische Einordnung nutzbar. Angebote für Schulungen im Umgang mit ChatGPT sind deshalb wahnsinnig sinnvoll.

Lisa Golinski und Christina Winkler

Lisa Golinski, Podcast Produktion & Konzeption & Christina Winkler, Podcast Produktion & Redaktion Mit Vergnügen

Nutzt ihr eine KI in eurem Arbeitsalltag?

Wir nutzen KI momentan vor allem zur Inspiration oder auch zur Recherche. Gerade für ein erstes Einlesen in Themen und Gäste kann KI gute Dienste leisten und Arbeitszeit einsparen. Allerdings checken wir alle Facts im zweiten Schritt noch mal gegen – für eine erste Orientierung kann es aber durchaus sehr nützlich sein.

Inhaltlich kann Künstliche Intelligenz nochmal neue Denkanstöße und Richtungen aufzeigen, die man selbst vielleicht noch gar nicht in Betracht gezogen hat. Wobei wir bis dato die meisten Inputs bereits auf dem Schirm hatten.

Zu 100 % verlassen wir uns tatsächlich noch nicht auf KI, da aus Erfahrung noch nicht alle Facts stimmen, die uns künstliche Intelligenz liefert. Aktuell wurde noch kein Arbeitsschritt komplett durch die Arbeit einer KI übernommen. Aber sie kann durchaus ein nützliches Tool sein, bestimmte Arbeitsschritte und Zeit zu sparen, insofern sie richtig eingesetzt wird.

Inwiefern kann KI den Podcast-Markt verändern?

KI kann schon jetzt einige Arbeitsschritte erleichtern – das wird in Zukunft sicher noch mehr. Auch wenn es technisch möglich ist, Stimmen durch eine KI zu ersetzen, bleiben aber insbesondere unsere Interview-Podcasts immer noch ein Medium, das von Persönlichkeiten und emotionalen, echten Geschichten lebt, die hoffentlich nie komplett durch KI ersetzt werden können – denn das ist ja die besondere Freude an unseren Podcast-Produktionen und auch am Hörerlebnis.

Welche Podcast-Formate könnten besonders von KI profitieren?

Wir können uns vorstellen, dass gerade Formate, in denen es um Wissensvermittlung geht, von KI profitieren können. Oder auch experimentellere oder fiktive Formate könnten mit KI in neuen Formen gestaltet und umgesetzt werden.

Christian Alt Kugel und Niere

Christian Alt, Geschäftsführer Kugel und Niere

Nutzt ihr eine KI in eurem Arbeitsalltag?

Wenn es um generelle Machine-Learning-Anwendungen geht, benutzen wir schon seit Jahren KI: Wir arbeiten stark skriptbasiert und lassen seit Jahren von Tools wie trint.com Interviews transkribieren. Interviews abhören und spannende O-Töne raussuchen war vorher ein harter Job, der manchmal einen ganzen Tag gedauert hat. Heute geht das alles deutlich schneller und wäre aus unseren Workflows nicht mehr wegzudenken

Wenn es um die neuen generativen KI-Modelle geht, sind wir gerade in einer Experimentierphase. ChatGPT ist super, wenn man die richtigen Prompts benutzt. Zum Beispiel haben wir für unseren History-Podcast »Darwin gefällt das« mal alle bisherigen Storys und ihre Protagonist*innen in ChatGPT gekippt und das Tool gebeten ähnliche Storys zu suchen. Die Ergebnisse waren … gemischt. 1 oder 2 von 25 Vorschlägen haben aber tatsächlich was getaugt. 

Welche Chancen und Gefahren birgt KI im Podcast-Alltag? 

Ich glaube, dass wir als Gesellschaft nicht darauf vorbereitet sind, dass bald jede Stimme halbwegs echt gefaked werden kann. Dass Populist*innen sich theoretisch darauf berufen können, Aussagen nie so getroffen zu haben. Damit werden wir umgehen müssen und neue Regeln/Watermarks etc. erfinden.

Inwiefern kann KI den Podcast-Markt verändern?

Ich denke gerade weniger in positiv und negativ, sondern eher ästhetisch: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir eine Schwemme an Formaten sehen werden, die mit künstlichen Stimmen eingesprochen werden. Zum Beispiel: 18 Uhr am Samstagabend kommt der KI-generierte Bundesliga-Überblick. Eine Aufzeichnung von BuLi-Spielen wird durch ein Speech-to-Text-Tool gejagt, dann von einer generativen KI zusammengefasst und von einer künstlichen Stimme eingesprochen und dann automatisch hochgeladen. 

Ebenfalls vorstellbar: Ein True-Crime-Podcast, der daraus besteht, alte Fälle aus anderen True-Crime-Podcasts zusammenzufassen, umzuformulieren und mit einer künstlichen Stimme neu hochzuladen. 

Hier könnte das Pendel ästhetisch dann wieder zurückschwingen: »echte« Podcasts zeichnen sich dann noch mehr als heute damit aus, dass sie nicht perfekt klingen, ähms und Unsauberkeiten haben und nicht perfekt mikrofoniert sind. 

Welche Podcast-Formate könnten besonders von KI profitieren?

Dadurch, dass gefühlt jede Woche neue KI-Tools herauskommen, ist das gerade ein bisschen schwer zu beantworten. Momentan denke ich, dass es Formate sind, die skriptbasiert sind. Ich persönlich nutze ChatGPT als Co-Pilot fürs Schreiben. Gerade wenn ich schnell Synonyme brauche oder frage oder nach Vergleichen suche, hab ich oft ChatGPT nebenbei offen. 

Welche Form der Anwendungen fehlt dir noch?

Auf Englisch kann das Tool »Descript« schon synthetische Stimmen in eine DAW exportieren. Man kann also dort schreiben, seine O-Töne schneiden und alles als Projekt exportieren lassen. Das ist für einen ersten Rohschnitt super, weil man nur noch die künstliche Stimme durch echte Sprecher*innen ersetzen muss und trotzdem schon mal vorproduzieren kann. Das fehlt noch auf Deutsch. 

Maren Papenbroock

Podcasts hören und darüber schreiben? Traumjob! Maren ist Redakteurin bei Podstars by OMR, ihre Texte sind auf dem Blog und im MIXDOWN-Newsletter zu lesen.

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