20.01.2023
Denise Fernholz

Trendthema 2022: Wie haben sich Storytelling-Podcasts im letzten Jahr entwickelt?

Die besten deutschen Storytelling-Podcasts

Als ich im Januar 2022 die wichtigsten Köpfe der deutschen Podcast-Branche nach ihren Prognosen für das Jahr gefragt habe, war die am häufigsten genannte Antwort: Storytelling-Formate. Aber was bedeutet »Storytelling« eigentlich? Und wieso ist es ein Trendthema?

Die meisten Podcasts funktionieren ohne Drehbuch, das heißt, die Protagonist*innen sprechen frei und improvisieren. Storytelling-Podcasts sind dagegen sehr viel strukturierter, sie haben meist ein festes Skript und erzählen eine zusammenhängende Geschichte. Oft wird diese mit aufwendigem Sounddesign garniert. Zu den beliebtesten Storytelling-Genres gehören Dokumentationen und Reportagen, True Crime und Fiction, also Podcasts, die eine fiktive Geschichte erzählen. Aktuell im Trend liegen vor allem Hörspiele und Audio-Serien. Storytelling lässt sich aber auch super mit Wissensvermittlung mischen. Und auch immer mehr Marken trauen sich weg vom klassischen Interview-Format hin zum Storytelling in ihren Branded Podcasts.



Storytelling-Podcasts on the rise

Viele der größten Formate in Deutschland sind aber noch immer sogenannte »Laber-Podcasts« à la »Gemischtes Hack« oder »Zum Scheitern verurteilt«, funktionieren also ohne großes Storytelling. Deswegen hat die breite Masse sehr lange diese Art als Standard angesehen. Es ist vollkommen logisch, dass es so viele Gesprächspodcasts gibt – denn Storytelling ist aufwendiger und dadurch kostspieliger in der Produktion. Je nach Format braucht es ein Skript bzw. Drehbuch, Recherchearbeit, Sounddesign, vielleicht sogar eine Regie und Schauspieler*innen. Dafür braucht es ein ordentliches Budget, das sich meist eher öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten, Plattformen oder große Produktionsfirmen trauen, in die Hand zu nehmen.

»Ich würde sagen, insgesamt war es bestimmt ein Jahr. Die Recherche-Phase war relativ lang«, erzählt Khesrau Behroz im Podstars-Interview zur ersten Staffel »Cui Bono: WTF happend to Ken Jebsen?«. Mit dem Podcast hat er Storytelling nicht nur ein ganzes Stück vorangetrieben in Podcast-Deutschland, sondern auch gezeigt: Für so eine Qualität braucht es viel Arbeit. »Dafür haben wir ein Team aus zwei Journalist*innen zusammengestellt: Pascale Müller, eine profilierte Investigativ-Reporterin, und der Radikalisierungsforscher Sören Musyal, eine wandelnde Enzyklopädie, was Radikalisierung in Deutschland angeht. Irgendwann gab es eine ganze Redaktion. So sind wir Stück für Stück gewachsen. Und dann kamen jeweils die Producer*innen von Studio Bummens dazu, die sowohl inhaltlich unterstützt als auch das ganze Audio-Material zusammengesucht haben.«



Zusammen geht mehr

An der ersten Staffel »Cui Bono« waren Studio Bummens, der RBB, der NDR und K2H an der Produktion beteiligt, in der zweiten (»Cui Bono: Wer hat Angst vorm Drachenlord?«) waren es Studio Bummens, Undone und RTL+ Musik. So ein großes Projekt lässt sich eben besser im Zusammenschluss stemmen. So auch bei Deutschlands erstem Reality-Doku-Podcast »Raus – Ab durch Europa!«, eine extrem aufwendige Co-Produktion von Studio Bummens, Studio Jot und Audio Now (die Podcast-App, die durch RTL+ Musik ersetzt wurde). Für die Story wurden vier junge Leute mit dem Zug quer durch Europa geschickt, um Challenges zu bestehen. Ohne zu wissen, wo es als nächstes hingeht, dafür mit einem Produktionsteam im Schlepptau.

Auch das Genre True Crime profitiert von Zusammenarbeit: »Das System Söring« erzählt die Geschichte des Deutschen Jens Söring, ein verurteilter Doppelmörder, der 2019 aus dem US-Gefängnis auf Bewährung entlassen wurde und bis heute mithilfe eines Netzwerks aus Anhänger*innen seine Unschuld beteuert. Produziert wurde die achtteilige Serie von Argon.Lab und CCC Cinema & Television – ursprünglich ein Hörbuchverlag und eine Filmproduktionsfirma.

2022 hat gezeigt: Zusammen geht mehr. Ich würde mir wünschen, dass die Kooperationen in diesem Jahr weiter zunehmen, auch über den Podcast-Rand hinaus. Schließlich können im Podcasting verschiedene Branchen ihre Expertise einbringen – und ihre Budgets. Geteiltes Risiko ist halbes Risiko. Und das Schöne an der deutschen Podcast-Branche ist ja, dass sie verhältnismäßig klein ist und damit das Verhältnis unter den Produktionsfirmen sehr freundschaftlich. Warum aus der Freundschaft kein Geschäft machen?



Journalismus 2.0 dank Storytelling-Podcasts

Storytelling-Podcasts bieten aber nicht nur für Kooperationen unendliche Möglichkeiten, sondern auch für den Journalismus. Im Stern-Podcast »Frauke Liebs« erzählt Journalist Dominik Stawski den kompletten Fall der 2006 entführten und ermordeten Frauke Liebs nach, spricht mit Angehörigen, Zeug*innen und den damaligen Ermittlern. Bis heute ist nicht geklärt, wer der jungen Frau das angetan hat. Er hatte über den Fall schon in mehreren Artikeln berichtet, daraus ergab sich sogar eine TV-Dokumentation – aber in seiner ganzen Komplexität konnte Dominik Stawski den Fall erst im Podcast erzählen.

»Für mich als Autor und Reporter sind Podcasts ein tolles Medium. Ich schreibe gerne lange Artikel, einmal habe ich im Stern mehr als 50.000 Zeichen geschrieben, aber dann ist spätestens der Punkt erreicht, an dem jede Chefredaktion sagt: Es reicht. Im Podcast gibt es keine Begrenzung«, sagt er im Podstars-Interview über die Arbeit am Podcast. »Die Skripte für die 13 Podcast-Folgen jetzt würden mehr als ein Buch ergeben.«

2022 hat gezeigt, wie symbiotisch Journalismus und Podcasting funktioniert. Und es verändert die Arbeit. Viele Journalist*innen denken bei Geschichten, auf die sie stoßen, nicht mehr nur für Print, sondern crossmedial, nehmen bei der Recherche alles mit einem Aufnahmegerät oder dem Handy auf, um atmosphärische Eindrücke für einen potenziellen Podcast einzufangen. So ging es damals auch Till Krause, als er mit seinem Kollegen Patrick Bauer an »Die Mafiaprinzessin« gearbeitet hat. Im Podstars-Interview sagt er: »Wir haben uns gedacht, alles was wir in diesen Momenten nicht aufnehmen, ist für immer verloren und kann nicht mehr rekonstruiert werden.«

Ich hoffe, 2023 kommen noch mehr Journalist*innen auf den Geschmack. Denn Podcasts schaffen eine zusätzliche Dimension. »Bei Audio hilft diese Atmosphäre, die man erschaffen kann. Man kann die Menschen hören. Man weiß, wer diese Zeugen und Beteiligten sind und was sie erlebt haben. Und wenn man sie dann im Ohr hat, macht das was mit einem«, sagt Dominik Stawski. »Natürlich kann ein Zitat auf Papier gedruckt, einen auch stocken lassen, aber es hat nicht diese Kraft. Klar, funktioniert das auch bei Video, aber das Fokussieren auf den Ton ist schon sehr, sehr intensiv.«



Unser erstes Storytelling-Original bei Podstars

Und auch wir bei Podstars haben uns 2022 an unseren ersten Storytelling-Podcast gewagt: »Bassam« erzählt über sechs Folgen die wahre Geschichte von der dramatischen Flucht eines syrischen Jungen vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat bis in ein neues Leben nach Deutschland. »Wir haben neun Monate an dem Podcast gearbeitet. Nie im Leben hätten wir damit gerechnet, dass die Themen Krieg und Vertreibung zum Zeitpunkt des Release so aktuell sein würden«, erzählt mein Kollege und Autor des Podcasts Tim Sohr. »Der Horror in der Ukraine ist so real, weil er so nah ist. Weil er uns so nah kommt. Aber machen wir uns nichts vor: Krieg und Vertreibung sind leider immer aktuell. Dieser Horror ist in Europa so real wie im Irak, in Afghanistan oder im Jemen, in Moria oder auf dem Mittelmeer.«

Um den Podcast zu bewerben, haben wir ordentlich die Marketing-Trommel gerührt – noch ein Posten, den man bei der Planung eines Storytelling-Podcasts beachten sollte. Eine gute Geschichte ist das A und O, aber wenn niemand mitbekommt, dass man diese gute Geschichte erzählt, dann bringt sie auch nichts. Deswegen haben wir in Hamburg und Berlin plakatiert, Aufkleber verteilt, Werbung in ausgewählten Programmkinos geschaltet und einen kleinen Videotrailer für Social Media gedreht.

»Ich habe lange nach dem richtigen Format für Bassams Geschichte gesucht, und für mich ist völlig klar, dass es dafür kein besseres Medium als einen Podcast gibt«, sagt Tim. »Weil wir die Geschichte nur hier wirklich gemeinsam erzählen können, weil Bassam sie den Hörer*innen nur auf diese Weise ganz persönlich erzählen kann.« Das können Storytelling-Podcasts eben auch: Die Protagonist*innen ihre eigene Geschichte erzählen lassen. Es ist nunmal etwas anderes, ob man Zitate liest – oder hört.

Eine ganze Folge über »Bassam« und Storytelling in Podcasts mit Tim Sohr findet ihr hier bei »PodTalk«.



Beispiele für deutsche Storytelling-Podcasts 2022

Nachfolger des Erfolgsformats: »Cui Bono: Wer hat Angst vorm Drachenlord?«

Mit der Geschichte um Rainer Winkler aka der YouTuber »Drachenlord« konnte das »Cui Bono«-Team an den Erfolg der ersten Staffel anknüpfen. In fünf Episoden erzählt Khesrau Behroz den wahrscheinlich traurigsten und zugleich faszinierendsten Fall von Cybermobbing in der deutschen Geschichte.



Mit dem Podcast ein Trauma aufarbeiten: »71 Schüsse«

Am 26. April 2002 ereignete sich am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt ein Amoklauf. Einer, der damals ebenfalls die Schule besuchte, war der 12-jährige Marcel Laskus. 20 Jahre nach dem Amoklauf ist er Redakteur und Reporter bei der Süddeutschen Zeitung. Gemeinsam in einem kleinen Team will er die Ereignisse von damals in einem Podcast aufarbeiten.



Ein Fiction-Podcast, der nie zu Ende geht: »Flüsterwelt«

»Flüsterwelt« erzählt Mystery-Crime-Geschichte rund um Hanna und die Stimme in ihrem Kopf, mit einer neuen Folge jeden Sonntag. Und mit »jeden Sonntag« meinen wir JEDEN Sonntag. »Flüsterwelt« ist das erste Fiction Format, das always on ist. Das Ende steht nicht fest. Produziert von Podstars.



Ein Hörspiel-Podcast in 9 Sprachen: »Batman unter Toten«

Die Original Audio-Serie, die im Englischen »Batman Unburied« heißt, ist in Zusammenarbeit von DC, Warner Bros und Spotify Studios entstanden. Das Besondere: Sie wurde für acht weitere Märkte aufwendig adaptiert und übersetzt. Zur Story: »Ein Serienkiller terrorisiert Gotham – aber Batman taucht nicht auf, um alle zu retten. Bruce Wayne kann sich nicht einmal mehr daran erinnern, überhaupt der dunkle Rächer zu sein.«



Deutschlands erster Reality-Doku-Podcast: »Raus – Ab durch Europa«

Wie wäre es, mit völlig fremden Leuten für drei Wochen zu verreisen und 24/7 zusammenzuhängen? Ohne Smartphone, ohne zu wissen, wo es als nächstes hingeht? Laura Larsson schickt in »Raus – Ab durch Europa« vier junge Menschen mit dem Zug quer durch Europa.



Auf der Suche nach einem Mörder: »Frauke Liebs«

Bis heute ist der Fall Frauke Liebs einer der rätselhaftesten in der deutschen Kriminalgeschichte. Auf dem Weg vom Public Viewing in der Paderborner Innenstadt nach Hause verschwindet sie, wird mindestens eine Woche festgehalten und später ermordet. Der Täter wurde bis heute nicht gefunden.



Eine Fluchtgeschichte hautnah: »Bassam«

In diesem Podcast führt Bassams Weg von seiner unbeschwerten Kindheit in Syrien über einen Höllentrip auf der Balkanroute im Herbst 2015 bis in den deutschen Alltag. Und während Angela Merkel sagt: „Wir schaffen das!“, muss sich Bassam fragen: Wie schaffe ICH das?



Unschuldig im Gefängnis? »Die Nachbarn«

In Deutschland unschuldig zu lebenslänglich verurteilt werden? Das gibt’s doch nicht, dachte ich. Bis im Oktober die Doku »Unschuldig im Gefängnis? Der Fall Andreas Darsow« im Fernsehen lief. Darin können wir Linn Schütze und Leonie Bartsch vom Podcast »Mord auf Ex« bei der Recherche zur ersten Staffel ihres Spinoff-Projekts »Die Nachbarn« begleiten. 2022 gab es eine zweite Staffel mit neuen Spuren, auf die die beiden nach der Doku gestoßen sind.



Ein Mörder auf freiem Fuß? »Das System Söring«

»Das System Söring« erzählt die Geschichte eines wegen zweifachen Mordes verurteilten Deutschen, der 2019 aus einem US-amerikanischen Gefängnis auf Bewährung entlassen und nach Deutschland ausgeliefert wurde. Seitdem versucht er, gemeinsam mit einem Netzwerk von Unterstützer:innen, die Öffentlichkeit von seiner Version der Ereignisse zu überzeugen.

Denise Fernholz

Schreibt für Podstars den Podcast-Newsletter MIXDOWN und versucht, möglichst viele Fotos ihrer Katzen Polly und Coco darin unterzubringen. (Klappt meistens.)

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