13.04.2022
Maximilian Lembke

Neues Gold in alten Kisten: Vom Archivfund zum Podcast

Mein persönliches Goldstück unter den Podcasts: »Kein Mucks!«, der Krimi-Podcast von Radio Bremen. Bereits in der dritten Staffel moderiert Bastian Pastewka durch seine Archivfunde in den staubigen Rundfunkkellern in Bremen: alte Radio-Hörspiele, die zwischen den 50er- und 80er-Jahren zur Abendunterhaltung die Hörerschaft in deutschen Wohnzimmern in Atem hielt. Der Titel verrät es: Da durfte nämlich nicht »gemuckst« werden! 

Wer wie ich früher mucksmäuschenstill »Die drei ???« oder »TKKG« hörte, wird da gleich mit nostalgisch. Diese Schätze liegen nämlich nicht nur in Rundfunkkellern: Mein Vater ist jetzt Anfang sechzig, ich Mitte zwanzig. Beim Aufräumen staubiger Kisten im Keller teilen wir das gemeinsame Altwerden zweier Generationen. Dort liegt archiviert das Medium, das unser beider Jugend überdauerte: die Kassette. 

Er schwärmt davon, wie er in den 70er Jahren mit seinem Kassettenrekorder Songs der Bee Gees im Radio aufnahm oder die Stimme seiner Groß- bzw. meiner Urgroßeltern verewigte. Ich durchlebe derweil erneut die zahllosen Einschlafabenteuer heldenhafter Detektivcliquen. 

Liegt darin auch der Erfolg von »Kein Mucks!«? In ähnlicher Weise hat Bastian Pastewka mit kindlicher Freude die bis zu siebzig (!) Jahre alten Radio-Krimis durchforstet. Er selbst nahm als Kind Radio-Hörspiele im WDR auf Kassette auf und in Vorbereitung auf den Podcast habe er über 120 Episoden hintereinander weg gehört. Mittlerweile dürften es über 200 sein, schätzt Lina Kokaly, leitende Redakteurin für »Hörspiel & Podcast« bei Radio Bremen, die »Kein Mucks!« im Tandem mit Bastian Pastewka kuratiert und produziert.

Mit Lina haben wir noch ausführlicher über »Kein Mucks!« gesprochen. Mehr dazu in »Vom Podcast gelernt«, diese Woche in unserem MIXDOWN Weekly.

Es sind keine neuen Geschichten, aber altes Gold, das zum Teil über fünfzig Jahre lang nicht mehr gesendet wurde. Und dennoch (oder gerade deshalb): Die ersten zwei Staffeln wurden (nach eigene Angaben von Radio Bremen) 2,7 Millionen Mal in der ARD Audiothek, 1,3 Millionen Mal über Apple und knapp 1 Millionen Mal über Spotify (Stand: 2021) abgerufen. Lina ergänzt: Mit Ende von Staffel 3 am 10. März 2022 hätten sich die Hörerzahlen sogar nochmal fast verdoppelt und lägen mittlerweile bei knapp 9,5 Millionen Wiedergaben plattformübergreifend. 

Der Charme von alten Krimi-Hörspielen wie auch »Die drei ???« hat Jahrzehnte überdauert. In den USA ist die Serie 1992 eingestellt worden. Die deutschen Hörspielstimmen von Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews – mittlerweile Familienväter in ihren Fünfzigern – haben die Serie über die drei Jungdetektive in Deutschland so populär gemacht, dass seitdem exklusiv für den deutschen Markt immer neue Abenteuer erdacht werden und sie mit Live-Inszenierungen Hallen füllen. Warum soll also heute nicht für genau diese nachhaltigen Hörerlebnisse neue Maßstäbe gesetzt werden können?

Nicht nur Secondhand: Die Erzählkraft des »Found Footage«

Es geht nicht allein darum, die alten Schätze auszubuddeln, etwas zu polieren und dann für Liebhaber anzupreisen. Das “Alte” hat noch heute sein junges wie junggebliebenes Publikum, weil es nicht nur Medium, sondern auch Motiv mit hohem Erzählwert ist. Sogenannte »Found-Footage«-Geschichten und der Thrill von gefundenen Video-Aufnahmen haben sich so z. B. ihren Nischenplatz im Film, genauer im Horrorfilm-Genre erarbeitet – und inspiriert andere Erzählformen. 

»Blair Witch Project« legte 1999 den Grundstein mit Pseudo-Reportage-Aufnahmen. Die »Paranormal Activity«-Filme nahmen den Ball auf und spielen mit der Idee von Nachtsicht-Aufnahmen aus Überwachungskameras. Diese Filme waren so günstig in ihrer Produktion, aber zugleich wertvoll und reichhaltig in ihrer Erzählwirkung. Die Vorstellung von (vermeintlich) authentisch selbstgefilmtem Amateur-Material entwickelt automatisch und unterbewusst im Kopf die Bildgewalt des Materials. Sie prägten so sehr, dass sie sogar gegenwärtige Literatur inspirierten. 

Wer unseren MIXDOWN-Newsletter abonniert hat, wird davon schon gehört haben: Im ThePioneer-Original »Edle Federn« sprach Bestseller-Autor Daniel Kehlmann mit Juli Zeh über seine Faszination für »Found-Footage«-Horrorfilme – und dass sie ihn dazu inspirierten, dieses Experiment in Buchform zu wagen. Seine Erzählung »Du hättest gehen sollen« (2016) schrieb er im Stile eines gefundenen Notizbuchs eines frustrierten Drehbuchautors, in dem er für den Finder und Leser den Spuk in einem Ferienhaus dokumentiert. 

Gleiches Rezept: Aus Video mach Film, aus Notizen ein Buch. Ob es Kehlmann geglückt ist? Tatsächlich rief Kevin Bacon an und wandelte die Story prompt wieder in einen Hollywood-Streifen um, erschienen 2020 unter dem Titel »You Should Have Left«.

Von der Kassette zum Podcast?

Was das für den Podcast bedeutet? Bei der Recherche zu diesem Artikel lag da der Geistesblitz recht nahe: Warum nicht bald ein Hörspiel-Krimi als Podcast im Stile einer “gefundenen” Tonaufnahme? 

Die kurze Antwort: Gibt es schon. Sogar sehr erfolgreich in den USA. »Archive 81« zum Beispiel startete 2016; in Januar 2022 startete die gleichnamige Netflix-Serie. Viele erwarten, dass Erzählformate im weiteren Sinne im Podcast-Bereich zahlreicher werden. Mehr noch: Hollywood hält sogar aktiv Ausschau nach dem nächsten »Archive 81«

Wirklichen »Found-Footage«-Charme im Stile von »Archive 81« hat in Deutschland nur »Lynn ist nicht allein« auf FYEO (mittlerweile eingestellt) versprüht, allerdings mit einem Twist aus der Gegenwart: Die Geschichte wurde im Stile von WhatsApp-Sprachnachrichten erzählt und gestaltet. 

»Ich war schon immer fasziniert vom Medium Sprachnachrichten – gleichzeitig kann ich mir kaum was Unheimlicheres vorstellen, als eine Sprachnachricht von einer guten Freundin anzuhören und auf einmal passiert im Hintergrund irgendein Geräusch, das ich nicht zuordnen kann.«

– Gregor Schmalzried, Regisseur von »Lynn ist nicht allein«, im Interview mit Podstars

So rar diese Formate im deutschsprachigen Raum sind, so reichhaltig sind die tatsächlichen Schätze im Archiv: Die öffentlich-rechtlichen Sender bieten einige Hörspiel-Podcasts mit alten und neueren Produktionen an. Im »WDR Hörspiel-Speicher« oder die »NDR Hörspiel-Box« werden Hörspiel-Fans ebenso fündig, wie bei SWR2, HR2 oder dem Schweizer Rundfunk SRF. Aber, »Kein Mucks!« könnte dennoch auf dem Gebiet Pionierstatus erlangen. Lina verrät, dass der Erfolg von Radio Bremen dazu geführt hat, dass auch andere Anstalten erkennen, »es macht gar keinen Sinn, dass diese tollen Hörspiele da im Archiv liegen«, und darüber nachdenken, noch intensiver in den alten Archivkisten nach Schätzen zu suchen.

Altes Gold, neue Truhe?

»Kein Mucks!« sticht in seiner sehr bodenständigen Aufbereitung heraus, auch um der Authentizität der alte Originale Nachdruck zu verleihen. Alte Exponate haben hier eine passende wie moderne Plattform gefunden. Weiter offen hingegen ist die umgekehrte Frage: Was können auf diesen Plattformen neue Formate und neue Geschichten mit altem Charme wirklich Neues leisten?

Der Gestaltungsraum ist weiterhin immens. Die Abwägung ist eher eine des Investments. Wie wir unserem Professional Guide to Podcast festgestellt haben: »Das Genre [von Fiction-Podcasts] ist noch nicht so sehr überlaufen, was Chancen für dich birgt. Zu bedenken ist allerdings, dass die Produktion von Fiction-Podcasts ebenfalls recht aufwändig ist.« 

Die niedrigen Kosten (geschätzte 60.000 US-Dollar) eines »Blair Witch Project« im Film geben einen da vermeintlich einen Wink aus der Nische: Spart die Arbeit mit altem Material Kosten, ohne Qualitätsverlust? Lina ist sich da nicht so sicher. »Kein Mucks!« sei z. B. eher eine »Wundertüte« in Sachen Kosten. Der Knackpunkt: Die Rechte an den Stücken. 

Den Archivschatz ins Radio zu bringen, sei leichter; ihn online zu stellen hingegen, sei etwas anderes: »Das bedarf einer anderen Rechteklärung, die immer sehr aufwendig ist.« Nicht nur, dass alle Beteiligten, oder sogar Nachfahren, einzeln angeschrieben werden müssten, es kommt auch vor, dass erst nach intensiver Recherche herauskommt, dass die Rechte an dem Stück verfallen sind. »Das muss alles einzeln geprüft werden. […] Manchmal kommt raus, dass ich für das Stück gar nichts zahlen muss. Andernfalls sind es mal wieder ein paar Tausend Euro.«

Warum sich dieser Aufwand dennoch lohnt? Das Format des Found Footage bringt eine treue Fanbase, inklusive der Nostalgiker über mehrere Generationen, wie Bastian Pastewka, Lina und oder meine Wenigkeit, die sich über eine Renaissance des Kassetten-Gefühls freuen würde.

»Das Allerwichtigste, was ich bei ›Kein Mucks!‹ gelernt habe, ist, dass es funktioniert, weil Bastian Pastewka mit Leidenschaft dabei ist. Es klingt wie eine Binse. Ist es nicht.«

– Lina Kokaly, Leitende Redakteurin »Hörspiel & Podcast« bei Radio Bremen

Für die Gestaltung des Hörspielerlebnisses hat Lina sogar einen Tipp und Wunsch: Weniger erzählen, mehr erleben. »Wenn ich mit neuen Autorinnen und Autoren zusammenarbeite, ist immer ein Satz, den ich eigentlich als einen der ersten sage: ›Wir sind nicht der Film, wir können uns leisten das alles abfackeln oder explodieren zu lassen.‹ Und das wird mir im Hörspiel viel zu wenig genutzt.«

Also egal, ob neue Geschichte auf alter Tonspur, oder alte Tonspur in neuem Format: Die Kassette lebt. Genauso wie jedes seltene Found Footage aus der Vergangenheit. Es lohnt sich also mal in alten Kisten zu kramen. 

Foto von Radio Bremen | © Boris Breuer

Maximilian Lembke

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