17.11.2022
Maren Papenbroock

Tobias Bauckhage über »Cui Bono – Wer hat Angst vorm Drachenlord?«: »Es geht auch um uns!«

Tobias Bauckhage Studio Bummens

Im Juni 2021 war der Podcast »Cui Bono – WTF happened to Ken Jebsen?« in aller Munde (bzw. Ohren). Der sechstteilige Storytelling-Podcast erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall des ehemaligen Radiomoderators Ken Jebsen, der in den letzten Jahren zu einem der einflussreichsten Verschwörungstheoretiker Deutschlands geworden ist. Der Podcast stellt sich die Frage: Wie konnte es dazu kommen? Ein Interview mit Autor und Host des Podcasts, Khesrau Behroz, findet ihr hier.

Der Podcast wurde mit dem Grimme Online Award, dem deutschen Reporter*innen Preis, dem deutschen Podcast-Preis und dem Preis für Popkultur ausgezeichnet. Das kann sich sehen lassen.

Jetzt geht »Cui Bono« in die nächste Runde. Staffel 2 beschäftigt sich mit dem YouTuber Rainer Winkler alias »Drachenlord«. Statt Fans baut er eine Community an Anti-Fans und Hatern auf, die das »Drachengame« betreiben: Sie greifen ihn an, beschimpfen und drangsalieren ihn – sowohl in der digitalen, als auch in der analogen Welt.

Tobias Bauckhage, Executive Producer und Executive Editor von »Cui Bono«, hat mir im virtuellen Interview verraten, wieso sie sich den Fall des Drachenlords für Staffel 2 ausgesucht haben, ob er Angst vor den Hatern hat und wie hoch der Druck ist, mit dem zweiten Teil genauso viel Erfolg zu haben.



Tobias Bauckhage von Studio Bummens im Interview über »Cui Bono – Wer hat Angst vorm Drachenlord?«

Worauf können sich die Hörer*innen in Staffel 2 freuen? Was erwartet sie? 

Tobias: Ähnlich wie bei Staffel 1 haben wir wieder nach einem Thema gesucht, das auf der einen Seite spannend und packend ist und wo es sich lohnt, zu schauen, wie es überhaupt zu dieser Geschichte kommen konnte. Auf der anderen Seite kann man anhand der Geschichte auch Dinge erklären, wie wir uns als Gesellschaft verändert haben, wie Technologie uns verändert hat und wie zum Beispiel die Aufmerksamkeitsökonomie Einzug gehalten hat. Das alles kommt in der Geschichte vom Drachenlord sehr eindrucksvoll zusammen. 

Wieso habt ihr euch entschieden, den Fall vom Drachenlord zu erzählen? 

Tobias: Wir kannten den Fall schon, aber das Ganze hat noch mal Aufmerksamkeit bekommen, als Sascha Lobo seinen Artikel im Spiegel veröffentlicht hat. Da haben wir uns die Geschichte ein bisschen genauer angeschaut und gedacht: Okay, das ist so eine Art von ›Cui-Bono-Geschichte‹. Es geht uns nicht nur um Rainer Winkler, um dieses Schicksal, diese einzigartige Eskalation, die da in den letzten zehn Jahren stattgefunden hat, sondern, – wie Khesrau Behroz es immer so schön sagt –, es geht mal wieder auch um uns. 

Habt ihr, als ihr Staffel 1 gemacht habt, schon ein bisschen im Hinterkopf gehabt, dass es noch weitere Staffeln geben wird? 

Tobias: Wir sind große Fans von amerikanischen Podcast, insbesondere von Erzähl-Podcasts, wie ›Serial‹, ›9/12‹, ›The Line‹ oder ›Missing Richard Simmons‹. Wir haben uns gefragt, ob man in Deutschland eine Geschichte auch so aufwendig produzieren und filmisch erzählen kann? Das war der Anspruch. Und durchaus mit dem Hintergedanken, wenn es uns gelingen würde und diese Art des Storytelling-Podcasts ein Publikum findet, das gerne wieder zu machen. Darum haben wir damals diesen zweifachen Titel gewählt: ›Cui Bono‹ ist der Titel der Original-Serie und ›What the Fuck happend to Ken Jebsen‹ und ›Wer hat Angst vorm Drachenlord?‹ als Staffel-Titel. Es gab diese Hintergedanken, weitere Staffeln zu produzieren, aber das war ein mutiger und optimistischer Gedanke: Wenn so eine Art des Storytellings in Deutschland ein Publikum findet, dann wollen wir das gerne weitermachen. 

Die erste Staffel ist ziemlich durch die Decke gegangen, hat ja auch einige Preise gewonnen. Verspürt ihr Druck, dass die zweite Staffel genauso erfolgreich werden muss?  

Tobias: Ja, klar, den Druck verspüren wir schon, weil wir das Gefühl haben, bei ›Cui Bono‹ 1 ist einiges Gutes zusammengekommen. Der Podcast hat ein großes Publikum gefunden, das sich dafür interessiert. Natürlich setzt das Erwartungen, weil wir ja auch tolle und spannende Geschichten erzählen wollen, die einen gesellschaftlichen Impact haben. Wir sind in die zweite Staffel gegangen und haben gesagt: ›So, die Messlatte hängt ganz schön hoch, aber wir werden alles dafür tun, da wieder ranzukommen.‹ Irgendwer hatte im Team gesagt, das ist sozusagen ein ›Second Album‹. Das gibt es ja immer bei Musikern: Wenn das erste Album erfolgreich war – kann man dann etwas nachlegen, was auch seine Audience findet? 

Die zweite Staffel erscheint auf demselben Kanal wie die erste. Glaubst du, dass die Hörer*innen von Staffel eins und zwei dieselben sind? Wen soll der Podcast erreichen?  

Tobias: Unsere Kern-Audience sind Menschen, die gerne gutes Storytelling hören, die Lust haben, sich in eine Geschichte reinzuhören und dran zu bleiben. Der Zeitaufwand ist ja nicht gerade gering: Wir haben fünf Episoden, die jeweils ca. 40 Minuten gehen, das heißt, wir sind bei drei Stunden Storytelling. Man muss schon Lust haben, sich das anzuhören. Bei ›Cui Bono‹ 1 war das eine sehr breite Audience. Wir haben also keine besondere Gruppe von Augen, sondern Leute, die durch gute Geschichten Zugang zu gesellschaftlichen Themen finden und Lust haben, sich damit auseinanderzusetzen. Bei Studio Bummens machen wir viele Formate, die in erster Linie unterhalten sollen. Wir sehen Unterhaltung auch ein bisschen als das trojanische Pferd, um gesellschaftspolitische Inhalte zu transportieren. 
Aber natürlich ist Distribution beim Podcast auch wichtig. Der Cui-Bono-Kanal, der Studio Bummens gehört, ist auch ein Vertriebskanal. Alle, die ›Cui Bono‹ 1 gehört und abonniert haben, bekommen dadurch Updates. Insofern hoffe ich sehr, dass die Zuhörer*innen von ›Cui Bono‹ 1 auch ›Cui Bono‹ 2 hören. Ich hoffe aber auch, dass eine jüngere Zielgruppe dazu kommt, die den Fall Drachenlord aus der Peripherie kennt, vielleicht etwas auf Twitch oder TikTok gesehen hat und nicht genau weiß, worum es da geht oder das Phänomen dahinter besser verstehen will. Aber abgesehen von allen Zielgruppen: Unser Hauptziel ist es, gut erzählte Audio Geschichten zu produzieren. 

»Wir, bei Studio Bummens, sehen Unterhaltung auch ein bisschen als das trojanische Pferd, um gesellschaftspolitische Inhalte zu transportieren.«

TOBIAS BAUCKHAGE

Die ersten vier Folgen erscheinen ja am Donnerstag, 17.11. direkt alle bei RTL+ Musik und dann wöchentlich auf allen anderen Plattformen. Wieso habt ihr euch entschieden das so zu machen? 

Tobias: Es gibt ja noch nicht den festen Markt für Podcasts in Deutschland, es gibt natürlich Spotify, was sehr groß und wichtig für den deutschen Markt ist. Es kommen aber immer wieder neue Player dazu, wie zum Beispiel jetzt RTL+ Musik. Die Optionen sind vielfältig. Da geht es darum, das Richtige auszuprobieren. Damals habe ich mich mit dem NDR zusammengesetzt und wir hatten die Idee: Wäre es nicht cool, eine lineare Herausbringung im Radio zu machen mit einer On-Demand Herausbringung auf allen Plattformen? Es hat bei der ersten Staffel ›Cui Bono‹ sehr gut funktioniert.
Wir haben uns auch dieses Jahr gefragt: Wer ist der beste Partner? Wir fanden es spannend, einen Art Binge-Release zu machen, wo Teile des Podcasts schon vorher rauskommen und die, die wirklich dranbleiben wollen und nach dem Cliffhanger nicht ausmachen können, einen neuen Service ausprobieren können. Die Folgen sind nicht hinter einer Bezahlschranke – es ist ja kostenlos. Insofern ist die Hürde nicht so hoch, das auszuprobieren. Oder man wartet eine Woche und kann die nächste Episode auf allen anderen Plattformen hören. 

Ich war tatsächlich ganz froh, dass ich schon alle vier Folgen am Stück hören konnte, weil die Teaser wirklich neugierig gemacht haben. Ich habe beim Hören parallel den Drachenlord gegoogelt. Da versinkt man ja schnell in den Untiefen des Internets, was das Thema angeht. Wie tief war das Rabbit Hole, in das ihr euch da begeben habt? 

Tobias: Ich glaube sehr tief. Wir haben vor fast einem Jahr die Staffel angekündigt. Davor haben wir uns schon mit dem Fall auseinandergesetzt. Wir haben sehr, sehr viele Videos gesehen, mit Leuten gesprochen und waren vor Ort, wie zum Beispiel auch bei der Gerichtsverhandlung. Wir haben uns schon sehr, sehr intensiv damit auseinandergesetzt. 

Kann man sagen, wie viele Stunden Rohmaterial ihr gesammelt habt? 

Tobias: Das ist immer schwer zu sagen, weil unser Prozess nicht so ist, dass wir erst alle Interviews führen und dann zusammenbauen. Wir fangen schon sehr früh mit dem Scripten an und arbeiten dann mit Audio-Dummys. Der Prozess, in dem Keshrau anfängt zu schreiben und ich als Editor mit ihm in den Dialog gehe und wir eine Geschichte entwickeln, dauert lange. Das ist ein ganz iterativer Prozess. Deshalb ist es schwer zu sagen, wie viel Material wir haben. Zum Fall Drachenlord existiert unglaublich viel im Internet. Es gibt sehr viele Videos, alles wurde dokumentiert und es gibt Reaktionen darauf. Man findet Videos – von den Hatern und von Rainer Winkler selbst gefilmt – von den ganzen Vorfällen, die vor Gericht gelandet sind.
Dazu kommen Interviews, die wir geführt haben: mit dem Chef der Polizeiinspektion, Wissenschaftler*innen, die sich mit dem Phänomen auseinandersetzen, Protagonist*innen aus dem ganzen Reality-TV-Bereich, Jurist*innen oder Journalist*innen, die sich mit dem Thema auskennen. Wir haben mit sehr, sehr vielen Hatern gesprochen, weil wir verstehen wollten, was diese Faszination ausmacht, warum sich jemand über Jahre lang so intensiv mit diesem Fall beschäftigen kann und sich diese Videos anguckt und vielleicht auch Grenzen überschreitet. Es gab sehr, sehr viele Gespräche und deswegen auch sehr viel Material.

Ich habe Artikel gelesen, in denen Hater die Macher*innen von Dokus über den Drachenlord versuchen in den Dreck zu ziehen und schlechte Bewertungen schreiben. Habt ihr als Studio Bummens ein bisschen »Angst« vor der Reaktion der Hater auf den Podcast? 

Tobias: Wir haben uns mit den möglichen Konsequenzen einer Berichterstattung durchaus auseinandergesetzt und mit Leuten gesprochen, die Konsequenzen gespürt haben. Aber es ist wichtig, dass man dieses Thema in die Öffentlichkeit bringt, dass man die Zusammenhänge versteht und das Ganze fair und neugierig betrachtet. Das waren die Leitmotive für uns, uns damit auseinanderzusetzen. 

Habt ihr mit Rainer Winkler selbst auch gesprochen? 

Tobias: Ja, es gab Gespräche mit ihm, allerdings hat er nicht gewollt, dass wir ihn aufzeichnen. Das haben wir respektiert. Wir sind allerdings aktuell noch in der Produktion der fünften und letzten Episode, insofern kann ich noch nicht verraten, was am Ende noch alles passiert … 



Auf RTL+ Musik sind zum Start exklusiv die ersten vier Episoden verfügbar. Das Finale exklusiv ab 8. Dezember 2022. Auf allen anderen Plattformen erscheint ab sofort immer donnerstags eine neue Folge.

Cui Bono Drachenlord Cover
Cover: © Henning Wagenbreth

Maren Papenbroock

Podcasts hören und darüber schreiben? Traumjob! Maren ist Redakteurin bei Podstars by OMR, ihre Texte sind auf dem Blog und im MIXDOWN-Weekly-Newsletter zu lesen.

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