28.06.2022
Denise Fernholz

Ein Podcast, der nur aus Sprachnachrichten besteht

Ich muss zugeben, ich finde Sprachnachrichten irgendwie blöd. (Man kann sie nicht überfliegen oder nach Schlagworten suchen; wenn jemand mehrere Fragen stellt, kommt man durcheinander etc.) Ich hab in meinem Leben – wenn’s hochkommt – vielleicht zwanzig Stück verschickt, weil ich nicht anrufen konnte und die Botschaft zum Tippen zu kompliziert gewesen wäre. Aber ich bekomme natürlich ständig welche geschickt – denn mit meiner Abneigung bin ich ziemlich allein. (Bei besonders langen Sprachnachrichten denkt mein Gehirn irgendwann, ich würde telefonieren, und antwortet mit Worten – in der Öffentlichkeit sehr peinlich.)

Aber Sprachnachrichten haben auch gute Seiten. Zum Beispiel, dass sie so fantastisch in Podcasts funktionieren. Egal ob als Input von Hörer:innen oder als Stilmittel im Storytelling (z.B. bei »Lynn ist nicht allein«). Oder man macht ein komplettes Audio-Format, das nur aus Sprachnachrichten besteht. So wie Vivien Schütz und Stefanie Heim mit ihrer zehnteiligen Hörspielreihe »Re:Produktion«. Als ich das erste Mal davon las, war ich skeptisch – aber es funktioniert! Als mir die beiden im Interview für unsere Rubrik »Vom Podcast gelernt« erzählt haben, dass das alles keine Schauspielerinnen gesprochen haben, sondern sie selbst, war ich baff. Wie sie geschafft haben, dass die Story so authentisch klingt und was ihre größten Herausforderungen waren, erfahrt ihr unten.



Interview über das Hörspiel »Re:Produktion«

Im Weekly gibt es eine etwas ungewöhnliche Interview-Rubrik. Für die habe ich mich von der Zeitschrift NEON inspirieren lassen (treue Leser:innen wissen natürlich, dass ich früher in der Online-Redaktion von NEON gearbeitet habe). Auf der letzten Seite war immer ein Interview mit einem Promi. Aber nicht mit Frage, Antwort, Frage Antwort. Sondern die besten Sätze aus dem Interview standen für sich. Die Rubrik hieß »Vom Leben gelernt«. Nur interviewe ich keine Promis sondern Leute hinter den Podcast-Kulissen, die Learnings aus ihren besonders erfolgreichen oder innovativen Formaten verraten. Jeder Satz soll für sich stehen. Deswegen heißt die die Rubrik »Vom Podcast gelernt«. Wenn ihr Interesse an wöchentlichen, knackigen Interview habt, dann abonniert unbedingt unseren Weekly! Aber hier nun das Interview:

Stefanie Heim und Vivien Schütz
Gelernt vom Podcast »Re:Produktion«

Vivien: »Der Ausgangspunkt für die Serie war ein 15-minütiges Kurzhörspiel, das wir beide produziert haben, und das beim ARD PiNball-Award [Anmerkung: Hörspielwettbewerb der ARD für freie Produktionen] den ersten Preis gewonnen hat. Daraufhin hat uns eine Redakteurin vom SWR, Katrin Zipse, kontaktiert und gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, den Stoff noch weiterzuentwickeln und daraus eine Serie zu machen.«


Vivien: »Steffi und ich sprechen – wie viele Menschen – sehr viel über Sprachnachrichten miteinander und haben so unsere Freundschaft erhalten und intensiviert, obwohl ich in den USA wohne. Das Medium Sprachnachricht bietet sich fürs Hörspiel an, da es als akustisches Medium einen sehr großen Spielraum für Kreativität zulässt: Man kann die Aufnahme abbrechen, löschen und selbst bestimmen, wann die Kommunikation aussetzt. Und ich kann entscheiden: Höre ich die Nachricht sofort oder später? Wie viel höre ich von der Nachricht ab? Und das konnten wir dramaturgisch nutzen, um zum Beispiel Konflikte in der Freundschaft zu erzählen.«

Stefanie: »Pro Folge hatten wir 12 bis 15 Minuten, die wir bespielen konnten. Von daher war immer klar, wo wir anfangen, enden und die nächste Folge anknüpfen soll. Das grobe Konstrukt musste stehen. Ansonsten haben wir viel improvisiert gearbeitet. Wir wussten, was in der Nachricht passieren soll –sie war aber nicht komplett ausformuliert.«


Stefanie: »Dadurch, dass meine Figur zum Beispiel eine depressive Episode durchläuft, ändert sich auch ihr Aktivitätslevel beim Beantworten der Sprachnachrichten. Am Anfang klingt sie noch sehr lebendig, das nimmt dann mit der Zeit ab. So etwas muss natürlich auch immer noch mit bedacht werden.«


Vivien: «Wir haben das Hörspiel geschrieben, die Rollen gespielt und gegenseitig Regie geführt. Wir sind mit dem Handy  nach draußen gegangen und haben beobachtet: Was passiert um uns herum? Inwiefern kann man diese Umwelt mit einarbeiten? Dementsprechend hatten wir weniger Kontrolle darüber, was passieren wird, aber es war eben auch dieses Potenzial für zum Beispiel Zufallsbegegnungen da.«


Stefanie: »Wir wussten von Anfang an, dass wir nichts im Studio aufnehmen, sondern mit unseren Handys raus gehen. Allerdings haben wir nicht über einen Sprachnachrichten-Messenger aufgenommen – weil der die Tonqualität komprimiert –, sondern über eine Sprachmemo-App, die wir aufs Handy geladen haben. So waren wir mobil und unauffällig und hatten die Möglichkeit, wirklich überall aufzunehmen, zum Beispiel im Supermarkt, im Fahrstuhl, im Treppenhaus, im Schwimmbad oder in der Umkleidekabine vom Fitnessstudio.«


Vivien: »Teilweise haben wir auch Störgeräusche wie Sirenen oder Windrauschen, die während der Aufnahmen passiert sind, einfach miteingearbeitet. Auf der anderen Seite lagen wir auch in unserem Alltag immer auf der Lauer: Wo passieren schöne, interessante Momente, die eine spannende Akustik haben? Die haben wir dann mit dem Handy aufgenommen, um einige später einarbeiten zu können.«


Stefanie: »Wenn mehrere Nachrichten an einem Ort spielen sollten, haben wir dort mehrere am Stück aufgenommen. Sonst haben wir immer chronologisch aufgenommen, uns gegenseitig die Takes zugeschickt und die andere hat dann ihr Feedback gegeben, bis der perfekte Take im Kasten war.«


Vivien: »Wir hatten im Skript notiert, wie lang jede Nachricht maximal sein kann. Das heißt, es war Raum für Improvisation, aber nur innerhalb des Zeitlimits, was das Ganze noch mal verkompliziert hat, weil man vielleicht einen super Take hatte, der war aber viel zu lang. Dann muss der nächste wieder kürzer sein. Sonst kann es schnell passieren, dass man nur noch sehr wenig Zeit für die letzten  Nachrichten hat.«


Vivien: »Die größte Herausforderung war es, den Überblick zu behalten und inhaltlich kohärent zu arbeiten. Wir sind in Folge sieben, können wir jetzt noch eine neue Figur einfügen, die vorher gar nicht vorkam? Wir mussten alles frühzeitig anlegen und etablieren.«


Vivien: »Wir haben darauf geachtet, dass es zum Beispiel Versprecher gibt und Sprechpausen, damit es dieses Unperfekte bekommt und dementsprechend realer wirkt.«


Stefanie: »Ein Learning durch unsere Redakteurin war: Wenn wir das Gefühl haben, es ist schon viel Drama drin, dürfen wir noch eine Schippe drauflegen.«


Vivien: »Man muss sich gut überlegen, ob sich so ein Sprachnachrichten-Format eignet für die Geschichte, die man erzählen will. Und selbst wenn es passt, kommt die Herausforderung hinzu, dass die Figuren sich nicht nur via Sprachnachrichten austauschen sollten, sondern dass es auch einen Spannungsbogen gibt und die Figuren sich entwickeln.«

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Denise Fernholz

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