03.11.2021
Denise Fernholz

Coldmirror, wie entsteht eigentlich dein »5 Minuten Harry Podcast«?

Coldmirror aka Kaddi aka Kathrin Fricke macht mit ihrem »5 Minuten Harry Podcast« eigentlich alles falsch, was man falsch machen kann: Sie hat kein Instagram, Fans müssen auf neue Folgen manchmal ein halbes Jahr warten, es gibt kein wirkliches Marketing-Konzept … und trotzdem hören ihr Hunderttausende zu. Auf YouTube knacken die Videos, die sie zu jeder Episode macht, immer eine Millionen Klicks – oft sogar zwei. Das Podcast-Konzept ist so simpel wie genial: Kaddi nimmt sich immer fünf Minuten aus dem Film »Harry Potter und der Stein der Weisen« und bespricht diese mit einer unglaublichen Detail-Verliebtheit. Szene für Szene, Schnitt für Schnitt, manchmal Frame für Frame.

Bekannt wurde Coldmirror in den Nullerjahren durch ihre Neu-Synchronisationen der »Harry Potter«-Filme auf YouTube. Nachdem ihr Account später wegen Urheberrechtsverletzungen kurzzeitig (und angeblich versehentlich) gesperrt worden war, musste sie alle Teile löschen – im Internet leben sie aber natürlich weiter. Ich hatte mir damals alle Synchros auf meinen iPod Nano geladen, damit ich sie in langweiligen Mathestunden auswendig lernen konnte. Für meine Schulfreund:innen und mich war sie eine Ikone. Das ist sie bis heute. Ich war noch nie so aufgeregt vor einem Interview. Es heißt ja »Never Meet Your Heroes« . Ich kann euch jetzt sagen: doch!

Interview mit Coldmirror aka Kaddi über ihren »5 Minuten Harry Podcast«

Als ich meinem besten Freund aus der Schulzeit erzählt habe, wen ich zum Interview treffe, ist er ausgerastet. Unsere Jugend war von dir geprägt. Wir konnten alle Synchros auswendig und haben quasi nur noch mit Zitaten daraus kommuniziert.

Kaddi: Ich weiß nicht, ob ich Danke sagen soll oder Entschuldigung. (lacht)

Immer wenn ich deinen »5 Minuten Harry Podcast« höre, denke ich an die gute alte Zeit vom Internet … Was war zuerst da: Der Name oder der die Idee für den Podcast?

Kaddi: Er basiert auf dem Podcast »Back to the Future Minute«, der jeweils eine Minute des Films »Zurück in die Zukunft« behandelt. Das fand ich irgendwie cool und wollte auch so was ähnliches machen. Aber mit »Harry Potter«. Eine Minute war mir zu wenig, also dachte ich, ich nehme fünf.

Es ist ja ein exzellenter Titel. Deswegen habe ich gedacht, vielleicht war der Titel zuerst da.

Kaddi: So viele Leute sind verwirrt davon. Die hören sich das an und sind dann: »Hä, das geht ja eine Stunde lang und nicht fünf Minuten!« Dabei sage ich bei jeder Folge am Anfang, dass der Podcast jeweils fünf Minuten vom Film behandelt.

Du bist 2016 damit gestartet. Da fing der Podcast-Boom ja gerade erst an in Deutschland. Die meisten wussten damals wahrscheinlich noch nicht mal, was überhaupt ein Podcast ist.

Kaddi: Ein klassischer Podcast in dem Sinne ist es auch gar nicht, denn das wäre ja eigentlich erstmal ein Audio-Format und dann müsste es auch noch regelmäßig erscheinen. Und mein Podcast erscheint alles andere als regelmäßig. (lacht) Damals habe ich schon gerne Podcasts gehört und dachte, ich mach auch mal so was. Es war ursprünglich nur als Audio konzipiert. Ich habe nur ein Video für YouTube dazu gemacht, weil ich dachte, es gibt wahrscheinlich Leute, die »Harry Potter« nicht tausend Mal gesehen haben, so wie ich. Die brauchen irgendeinen bildlichen Anhaltspunkt, für die mache ich irgendwas mit Screenshots oder so. Aber ursprünglich war es als Audio gedacht. Deswegen beschreibe ich die Szene bis ins kleinste Detail, selbst wenn man es gut im Bild sieht. Es ist quasi ein Audio-Podcast mit Standbild-Untermalung, die eigentlich gar nicht notwendig ist. Es gibt Leute, die sind völlig überrascht, dass es dazu auch ein Video gibt. Die haben wirklich nur das Audio gehört.

Ich gucke immer mit Video, weil ich es irgendwie noch lustiger finde. Aber was würdest du sagen, was muss man bei so einem Podcast beachten, damit sowohl im Video als auch Audio funktioniert?

Kaddi: Ich mache immer zuerst das Audio, egal welches Video. Es muss wie ein kleines Hörbuch oder Hörspiel funktionieren, quasi so, dass es zum Beispiel auch beim Autofahren gehört werden kann.

Wie kann ich mir die Arbeit an einer Folge vorstellen? Wie fängst du an?

Kaddi: Ich schaue mir erstmal beim Film an der entsprechenden Stelle, an der ich zuletzt aufgehört habe, die nächsten fünf Minuten an. Dann öffne ich eine Textdatei, in der meistens schon Notizen drinstehen, weil ich mir eigentlich immer, wenn ich einen interessanten Fakt finde, ihn direkt aufschreibe. Da steht dann zum Beispiel was über die Herkunft des Namen Hermine. Ist Hermine in dieser Folge oft zu sehen? Dann packe ich das mit rein. Anschließend gucke ich mir die fünf Minuten nochmal an und beschreibe die Szene, mache eine Bildanalyse für jeden Frame. Wenn mir irgendwas auffällt, nehme ich es mit auf. Zum Beispiel: Wieso kommt da Rauch aus dem Zaubertrank? Wie machen die das? Ah, Trockeneis. Was ist die chemische Zusammensetzung von Trockeneis? Ich lese mir dann 1000 Wikipedia-Seiten durch. Und auch das kommt in den Podcast rein, weil ich solche Sachen so interessant finde, dass ich sie der Menschheit teilen möchte. So entsteht das Skript. Nach zwei Wochen bin ich meistens damit fertig, das dauert am längsten. So drei, vier Tage lang nehme ich das Audio auf, das insgesamt dann eine Stunde lang ist. Und dann beginnt der Schnitt, Soundeffekte raussuchen, lustige Einschübe finden. Und wenn das Audio fertig ist, dann sammle ich so zwei, drei Tage lang die Screenshots aus dem Film und Erklärbilder wie zum Beispiel ein Foto von Trockeneis zusammen. Ungefähr drei Wochen brauche ich für eine einstündige Folge.

Hast du Hilfe oder machst du alles alleine?

Kaddi: Ich habe meine Redakteurin Selina. Die hört sich vor Veröffentlichung die Folgen an, checkt den Sound und gibt Feedback, ob noch was verbessert werden könnte. Sie hilft aber nicht bei inhaltlichen Sachen, sondern eher bei technischen. Alleine den Podcast auf iTunes und Spotify hochladen … ich habe keine Ahnung, wie das geht. Das macht alles Selina bzw. funk.

Hast du einen ungefähren Plan, zum Beispiel, dass mindestens einmal im halben Jahr eine Folge rauskommen sollte?

Kaddi: Dieses Jahr hatte ich vier Podcastfolgen geplant. Eine kommt dieses Jahr auf jeden Fall noch, irgendwann im Dezember. Damit liege ich dann im Plan. Ich muss funk ja auch irgendwas mitteilen, die schenken mir nicht einfach so Geld. (lacht)

Du brichst eigentlich alle Regeln bei deinem Podcast: Manchmal hört man lange nichts von dir, du hast kein Social Media. Fragst du dich, warum es trotzdem so gut funktioniert?

Kaddi: Ja. (lacht) Manchmal brauche ich eine längere Pause und melde mich einfach zwei Monate lang nicht. Mir geht’s dann gut, aber ich muss mich in meinen Kokon zurückziehen – und dann komme ich nicht als Schmetterling raus, sondern weiterhin als Raupe. Da frage ich mich dann auch: Wie ist das mit dem Algorithmus und so? Aber die Pausen machen irgendwie überhaupt keinen Unterschied. Ob ich online bin oder nicht, die Leute gucken trotzdem weiter. Ich muss niemanden dran erinnern oder Werbung für ein neues Video machen. Das machen die alle von alleine.

Bereust du es manchmal, dass deine YouTube-Videos nicht monetarisiert sind?

Kaddi: Nö. Aber ich frage mich, ob es in einem anderen Universum eine Kathrin gibt, die mega rich ist und sich für eine Million ein Haus kauft. Aber das bin nicht ich.

Vielleicht würdest du auch in Dubai wohnen.

Kaddi: Oh Gott! Nein, da wohne ich lieber in der Antarktis oder so was. Ich mag Schnee lieber als Sand.

Wann ist dir eigentlich bewusst geworden, dass du Teil der deutschen Popkultur geworden bist?

Kaddi: Wenn andere Leute mir das sagen. Oder wenn Leute wie du mir sagen: »Oh mein Gott, ich kenn ich aus meiner Kindheit!« Dann denk ich:  »Oh Scheiße, ich mach das ja schon seit 15 Jahren!« Aber es war nie geplant, dass ich irgendwie berühmt werde. Es ist eine Nebenerscheinung von dem, was ich gerne und anscheinend auch gut mache. Ich glaube aber, mein früheres Ich würde sich sehr darüber freuen.

Für mich warst du damals ein Vorbild. Du hast ja später auch erzählt, dass du nicht die Beliebteste in der Schule warst. Da dachte ich: »Es gibt noch Hoffnung für uns!«

Kaddi: Das ist einer der Gründe, warum ich das bis jetzt immer noch mache. Das gibt mir den größten Drive, wenn ich an mich selbst zurückdenke und mir dann auch wünsche, dass es jemanden wie mich gegeben hätte, der mir sagt: »Du bist genug und du wirst schon irgendwas finden, was zu dir passt.«

Hörst du privat eigentlich viele Podcasts?

Kaddi: Ich höre gerne englische Podcasts, meistens zum Einschlafen. Oder nebenbei beim Saubermachen, beim Spüle aus- und einräumen oder Wäsche machen. Manchmal auch beim Baden. Wenn eine Folge eine halbe Stunde lang geht, passt das perfekt. Aber immer auf Englisch. Bei deutschen Podcasts kann sich mein Gehirn irgendwie nicht beruhigen.

Welchen Podcast würdest du empfehlen?

Kaddi: »My Brother, My Brother and Me«. Drei Brüder nehmen sich Fragen aus dem Internet vor und beantworten sie mit den allerschlechtesten Ratschlägen, die man sich vorstellen kann.

Hast du Tipps für Leute, die einen Podcast machen wollen, vielleicht sogar einen Video-Podcast so wie du?

Kaddi: Ich mache ja alles falsch, aber ich habe mir sagen lassen, Regelmäßigkeit ist wichtig. Ich finde es auch immer schön, wenn es Insider Gags gibt, die sich langsam etablieren. Zum Beispiel mein Rausgeher-Satz »Wir hören uns alle gegenseitig«. Das ist durch Zufall beim Aufnehmen entstanden. Und jetzt ist es DER Satz geworden.

Und sogar der Titel von deinem zweiten Podcast!

Kaddi: Ja. Was gebe ich noch für Tipps? Du musst auf jeden Fall das Thema lieben, worüber du redest. Du kannst dich sonst nicht so viele Wochen oder Monate lang damit beschäftigen, wenn du selbst keine Lust drauf hast. Vor allem wenn du am Anfang überhaupt keine Hörerschaft oder Geld dafür kriegst. Dann machst du wenigstens etwas, das dich geistig bereichert.

Foto von Kaddi: © Felix Leichum

Der »5 Minuten Harry Podcast« erscheint unregelmäßig als Audio-Version auf allen Podcast-Plattformen und als Video auf YouTube

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Denise Fernholz

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