22.08.2022
Maren Papenbroock

»71 Schüsse«: Wie ein Podcast über ein schweres Thema gelingen kann

Am 26. April 2002 ereignete sich am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt ein Amoklauf. Der 19-jährige ehemalige Schüler erschoss mit 71 Schüssen dabei elf Lehrer:innen, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizeibeamten und zuletzt sich selbst. Man will sich gar nicht vorstellen, welches Leid die Opfer vor den Minuten ihres Todes erlebt haben müssen.

Einer, der damals ebenfalls die Schule besuchte, war der 12-jährige Marcel Laskus. 20 Jahre nach dem Amoklauf ist er Redakteur und Reporter bei der Süddeutschen Zeitung. Gemeinsam in einem kleinen Team will er die Ereignisse von damals in einem Podcast aufarbeiten.

Vor ein paar Wochen habe ich mit Marcel Laskus für unsere Rubrik »Vom Podcast gelernt« gesprochen: Welche Bedenken hatte er bei der Produktion des Podcasts? Wie war das Feedback aus der Hörer:innenschaft? Und was hat er »vom Podcast gelernt«? 

Interview über den Podcast »71 Schüsse«

Im Weekly gibt es eine etwas ungewöhnliche Interview-Rubrik. Für die hat sich meine Kollegin Denise von der Zeitschrift NEON inspirieren lassen (treue Leser:innen wissen natürlich, dass sie früher in der Online-Redaktion von NEON gearbeitet hat). Auf der letzten Seite war immer ein Interview mit einem Promi. Aber nicht mit Frage, Antwort, Frage, Antwort. Sondern die besten Sätze aus dem Interview standen für sich. Die Rubrik hieß »Vom Leben gelernt«. Nur interviewen wir (nicht ausschließlich) Promis, sondern Leute hinter den Podcast-Kulissen, die Learnings aus ihren besonders erfolgreichen oder innovativen Formaten verraten. Jeder Satz soll für sich stehen. Deswegen heißt die Rubrik »Vom Podcast gelernt«. Wenn ihr Interesse an wöchentlichen, knackigen Interviews habt, dann abonniert unbedingt unseren Weekly! Aber hier nun das Interview mit Marcel Laskus:

Marcel Laskus, Redakteur Süddeutsche Zeitung
Gelernt vom Podcast »71 Schüsse«

»Ich habe über den Amoklauf schon zwei Artikel geschrieben. Ein Kollege von mir, Patrick Bauer, der den Podcast mit mir zusammen gemacht hat, hat gesehen, dass sich der Amoklauf dieses Jahr zum zwanzigsten Mal jährt. Er wusste, dass ich damals an der Schule war. Er kam auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, das nochmal vollumfassend aufzurollen.«

»Damals haben wir uns zusammengesetzt und gefragt: Wer sind die wichtigen Personen, die wir treffen wollen? Mit wem muss man alles reden? Dann war klar, wir wollen und mit meinen Freunden und Eltern sprechen, aber auch mit wichtigen Figuren der Schule und Politikern.«

»Es war total unklar, wer zusagt. Es hätte auch sein können, dass die Leute sagen: Ich will nicht darüber reden, das retraumatisiert mich oder das langweilt mich, weil es so lange her ist.‹ Wir haben Absagen bekommen, aber dafür sind auch immer wieder neue Leute dazugekommen. Das ist organisch gewachsen.«

»Wir haben im Herbst 2021 mit der Recherche angefangen. Dann haben wir bis zum Februar 2022 Gespräche geführt. Wir haben alles gescriptet und einen ersten Durchlauf gemacht, also alles einmal eingesprochen und geschnitten. Dann haben wir uns Feedback eingeholt und es noch ein zweites Mal gemacht. Es hat von vornherein geplant, es zweimal aufzunehmen.«

»Meine Kollegin Marisa hat auch Gespräche vor Ort geführt. Das war sehr bereichernd, weil sie Österreicherin ist und den Amoklauf damals nur am Rande mitbekommen hat. Das war ein sehr guter Austausch. Das kann ich nur empfehlen. Wenn man so eine persönliche Geschichte erzählt, ist es natürlich gut, dass man den persönlichen Zugang hat. Aber es ist auch gut, jemanden zu haben, der nicht so nah dran ist und Sachen hinterfragt.«

»Es war direkt klar, dass ich den Podcast »71 Schüsse« einspreche. Es ist meine persönliche Geschichte. Das macht es für viele Hörerinnen und Hörer auch so einmalig.«

»Ich hatte anfangs schon Bedenken, was das Feedback angeht. Wenn ich eine Geschichte über einen einzelnen Promi mache, bin ich gespannt, was diese eine Person für ein Feedback gibt. In dem Fall haben wir aber 1000 Protagonisten, 700 Schüler, Einsatzkräfte, Lehrer und und und. Und ich stelle mich einfach da vorne hin und sage: Das ist jetzt die Geschichte, von uns und von mir.‹ Aber ist das überhaupt aussagekräftig? Bin ich empathisch genug gewesen? War ich zu unkritisch, zu kritisch? Bin ich dem Ganzen gerecht geworden?«

»Ich sage extra an vielen Stellen: Das ist meine Sicht der Geschichte, ich selbst hatte Glück.‹ Ich bin halbwegs gut davongekommen, aber ich weiß nicht, wie es meinem Banknachbar ging oder jemandem, den zwei Etagen unter mir saß.«

»Mir war wichtig, dass es auf Dauer nicht zu deprimierend ist. Das würde dem nicht gerecht werden, weil viele meiner Mitschülerinnen und Mitschüler und auch ich trotzdem unsere Leben ganz gut weiter geführt haben.«

»Beim nächsten Mal würde noch mehr das Mikro einfach mitlaufen lassen, selbst wenn’s nur beiläufig ist.«

»Es ist wichtig, eine Balance zu finden. Was bringt die Geschichte inhaltlich voran? Aber man muss auch trotzdem immer wieder zu schauen, wie man es schafft, die Wand der Ernsthaftigkeit zu durchbrechen.«

»Nur, weil es ein schweres Thema ist, muss man nicht 100 Prozent schwarz angezogen klingen.«

»Ich fand es beim Podcast Cui Bono‹ über Ken Jebsen gut, dass ab und zu mal Leute einfach so eingeschoben wurden. Das finde ich cool, um es aufzulockern. Einfach mal die Chronologie verlassen und die normale Hörgewohnheiten verändern. Das haben wir auch gemacht: Wir verlassen jetzt diese Schwere und erzählen einfach mal ganz kurz, wie damals das Jahr 2002 war, was man damals für alberne Musik gehört hat, über welche Themen man sich Gedanken gemacht hat.«

»Ich habe noch nie so viel Feedback auf irgendwas bekommen, was ich journalistisch gemacht habe. Die Hälfte der Leute sind von der Schule, Bekannte oder Freunde von mir. Die andere Hälfte kenne ich nicht.« 

»In der fünften Folge geht es um die Opfer und Hinterbliebenen. Da rede ich mit einer Mutter, die ihre Tochter verloren hat. In dem Podcast hört man, wie sie sich wünscht, dass jemand, der damals mit in dem Raum war, schildert, was genau los war und wie die letzten Sekunden ihrer Tochter waren. Nach Veröffentlichung des Podcasts hat sich ein Hörer gemeldet, der damals der Klasse saß und meint, er würde ihr das erzählen.«

»Es war es uns wichtig, die erste Folge kostenlos zu machen. Das ist eine inhaltliche Folge, die vieles voranbringt und mich als Host vorstellt, aber sie ist auch wie ein langer, ausführlicher Teaser. Das soll dazu führen, dass man die zweite Folge auch unbedingt hören will. Das funktioniert bisher sehr gut.«

»Die Geschichte wurde fast gleichzeitig im SZ-Magazin veröffentlicht. Das Podcast-Skript hatte fast 400.000 Zeichen und das Magazin, was auch eine lange Geschichte auf zwölf Seiten war, hatte 40.000 Zeichen. Es ist toll, weil wir es viel dreidimensionaler machen konnten als einen geschriebenen Text.«

»Die Abonnenten der Süddeutschen Zeitung sind hauptsächlich Leser, aber die haben richtig Lust drauf, Podcast zu hören, und zwar nicht nur Nachrichten-Podcasts, sondern auch Storytelling Podcasts.«

Foto von Marcel Laskus: ©Friedrich Bungert/SZ Magazin

»71 Schüsse« ist ein Podcast der Süddeutschen Zeitung

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Maren Papenbroock

Podcasts hören und darüber schreiben? Traumjob! Maren ist Redakteurin bei Podstars by OMR, ihre Texte sind auf dem Blog und im MIXDOWN-Weekly-Newsletter zu lesen.

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