11.01.2022
Denise Fernholz

Wie der Corona-Podcast mit Christian Drosten 100 Millionen Abrufe geschafft hat

Ich frage mich manchmal wie der Podcast-Boom in Deutschland ohne »Das Coronavirus-Update« ausgesehen hätte. Christian Drosten, Sandra Ciesek und der NDR sind dafür verantwortlich, dass selbst Leute jenseits der 50 plötzlich Podcasts hören. Ende April hatte das Format bereits 100 Millionen Abrufe. Der Corona-Podcast wurde unter anderem mit zwei Grimme Online Awards, einem Sonderpreis des Beirats des Deutschen Radiopreises sowie dem Preis der Bundespressekonferenz ausgezeichnet und gehört zu den erfolgreichsten Podcasts des Jahres. Prädestiniert also für unsere Rubrik »Vom Podcast gelernt«.

Dafür habe ich mit dem Kopf hinter »Das Coronavirus-Update« gesprochen: Norbert Grundei. Er ist beim NDR Head of Audio Strategy, Senior Executive und Leiter des Audio Lab »Think Audio«. Am Ende unseres Gesprächs ist mir erst bewusst geworden, dass meine Kinder und Enkelkinder die Pandemie irgendwann mit diesem Podcast nacherleben können. Fast ein bisschen live, wenn man sich überlegt, dass zu Beginn jeden Tag eine Folge erschienen ist. Verrückt!



Interview mit Norbert Grundei über den Corona-Podcast

Im Weekly gibt es eine etwas ungewöhnliche Interview-Rubrik. Für die habe ich mich von der Zeitschrift NEON inspirieren lassen (treue Leser:innen wissen natürlich, dass ich früher in der Online-Redaktion von NEON gearbeitet habe). Auf der letzten Seite war immer ein Interview mit einem Promi. Aber nicht mit Frage, Antwort, Frage Antwort. Sondern die besten Sätze aus dem Interview standen für sich. Die Rubrik hieß »Vom Leben gelernt«. Nur interviewe ich keine Promis sondern Leute hinter den Podcast-Kulissen, die Learnings aus ihren besonders erfolgreichen oder innovativen Formaten verraten. Jeder Satz soll für sich stehen. Deswegen heißt die die Rubrik »Vom Podcast gelernt«. Wenn ihr Interesse an wöchentlichen, knackigen Interview habt, dann abonniert unbedingt unseren Weekly! Aber hier nun das Interview:

Norbert Grundei, Head of Audio Strategy beim NDR
Gelernt vom Podcast »Das Coronavirus-Update«

»Ich hatte Christian Drosten in einer Talkshow sagen gehört: ›In den nächsten Monaten wird am Wichtigsten sein, dass die Leute gut darüber informiert sind, was da gerade passiert.‹ Das passte perfekt mit unserem Gedanken zusammen, einen Podcast zu entwickeln, der besonders großen Nutzen für die Hörerinnen und Hörer hat.«

»Christian Drosten kann einem die Ungewissheit in einer Pandemie nicht nehmen. Aber wenn man gut informiert ist, gewinnt man wieder ein bisschen Oberhand über die Situation und eine gewisse Sicherheit.«

»Ich habe ihn damals angeschrieben, ganz förmlich: Sehr geehrter Herr Professor und so weiter. Und dann kam innerhalb kürzester Zeit eine sehr informelle E-Mail zurück, ohne Anrede und alles, in der stand: Ich bin gerade unterwegs, finde die Idee aber super und wir können Montag anfangen.«

»In der Sommerpause im letzten Jahr haben wir gemerkt, dass die Belastung für Christian Drosten sehr hoch war. Also haben wir uns auf die Suche nach jemandem gemacht, der oder die eine hohe Expertise hat, aber auch praktisches Wissen einbringen kann. Da war Sandra Ciesek die perfekte Kandidatin.«

»Für die Aufnahmen haben wir die ›muPRO‹-App der ARD genutzt und Christian Drosten mit einem iPad, einem Mikrofon und einem Kopfhörer ausgestattet, sodass er eigentlich zu jederzeit aufnehmen konnte. Dazu gab es vor jeder Aufnahme immer sehr kontinuierlich Absprachen über die Themen. Unsere Redaktion und die Hosts Korinna Hennig und Beke Schulmann bereiten sich immer sehr intensiv vor.«

»Die größte Herausforderung war, das Projekt im Backoffice und der Redaktion zu stemmen. Die Hosts haben sehr viel Zeit investiert, um Studien zu lesen und sich auf den Podcast vorzubereiten.«

»Wir hatten drei wichtige Erfolgsfaktoren. Erstens: Wir informieren die Hörer:innen sehr gut, durch zwei ausgewiesene Expert:innen in diesem Thema, befragt von kompetenten Hosts. Zweitens: Die Regelmäßigkeit, zu Beginn sogar täglich, hat eine habituelle Nutzung erzeugt. Man hatte in der Pandemie eine Gewohnheit. Drittens: Die Hörer:innen waren virologisch genauso gut gebrieft, wie die Politik und konnten in ihrer Peer-Group mitreden.«

»Es war wirklich ein Glücksfall, dass es in Deutschland einen weltweit renommierten Experten gibt, der genau zu diesem einen Virus forscht und auch noch bereit dazu war, so ein tägliches Projekt zu machen. Mit der Sondersituation, dass alle Menschen gleichzeitig betroffen sind. Deswegen bin ich vorsichtig mit der Annahme, dass so ein Podcast-Erfolg reproduzierbar ist.«

»Ich glaube, dass das ›Coronavirus-Update‹ vielen Menschen jenseits der klassischen Podcast-Zielgruppe nochmal erklärt hat, was Podcast für ein Medium ist. Dabei hat unser Distributions-Mix geholfen. Gerade am Anfang hat zum Beispiel Youtube eine sehr große Rolle gespielt. Wir haben Folgen, die allein auf YouTube eine Million Abrufe haben.«

»Das Wichtige ist wirklich, dass man sich sehr systematisch Gedanken darüber macht, was und wen man mit einem Podcast eigentlich erreichen will. Deswegen finde ich den Ansatz ›Jobs to be done‹ so gut. Was ist der Job, den dieser Podcast für den Nutzer oder die Nutzerin erfüllen soll? Das kann etwas Funktionales, Soziales oder Emotionales sein – oder im Idealfall alles davon.«

»Es ist super interessant, mit so einer große Community zu interagieren, z.B. um Befragungen zu machen. Zur Länge und Frequenz und welche Inhalte sich die Leute wünschen. Wir haben teilweise 10.000 ausgefüllte Fragebögen zurückzubekommen. So konnten wir viel ausprobieren.«

»Innerhalb der letzten vier Monate haben wir keinen signifikanten Rückgang in den Abrufen gesehen. Das Interesse ist nach wie vor sehr hoch.«

»Wir sind Christian Drosten und Sandra Ciesek extrem dankbar, die beiden bekommen kein Honorar und investieren eine ganze Menge ihrer Zeit in diesen Podcast.«

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Denise Fernholz

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