14.09.2021
Tim Sohr

Welche Rolle spielen Podcasts im Bundestagswahlkampf 2021?

Es ist vielleicht das berühmteste Zitat von Gerhard Schröder, auf jeden Fall wird es bis heute immer wieder gerne hervorgekramt: »Zum Regieren brauche ich nur ›Bild‹, ›BamS‹ und Glotze«, hat der frühere Bundeskanzler, der das Amt von 1998 bis 2005 innehatte, seinerzeit gesagt und damit die politische Medienlandschaft rund um die Jahrtausendwende ziemlich einprägsam auf den Punkt gebracht.

Gut 15 Jahre später lehnt Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen, eine Interviewanfrage der Bild am Sonntag »aus Zeitgründen« ab. Stattdessen war sie in Micky Beisenherz‘ launigem News-Podcast »Apokalypse & Filterkaffee« zu Gast. Darauf von Beisenherz angesprochen, hat sie das so begründet: »Wir haben zig Anfragen in so einer heißen Wahlkampfphase, (…) und im Jahr 2021 in Kontakt sein bedeutet für mich vor allem Podcast-Publikum und Instagram.«

Podcast und Instagram statt »›Bild‹, ›BamS‹ und Glotze«? Da ist was dran. Zumindest das mit den Podcasts gilt nämlich offenbar nicht nur für Baerbock, sondern auch für die direkte Konkurrenz: So hat SPD-Kandidat Olaf Scholz im Jahr 2021 zum Beispiel dem »Hotel Matze« (im März), Tim Mälzers »Fiete Gastro« (im März), der »ZEIT Bühne« (im Juni) und dem »Kreuzverhör« (vergangene Woche) einen Besuch abgestattet. CDU-Mann Armin Laschet war bisher im März ebenfalls auf der »ZEIT Bühne« zu Gast, außerdem in »1 Thema, 2 Farben« bei seinem FDP-Kollegen Christian Lindner (im April), zuletzt war er allerdings nicht mehr persönlich in Podcasts präsent. Baerbock hat sich außer Beisenherz u.a. bei »Die Boss« (im Juni), »Alles Gesagt« (im Mai), »Lage der Nation« (im August) und bereits im März 2020 im »Hotel Matze« gestellt.

Mit Podcasts wird massiv Wahlberichterstattung gemacht

Keine Frage: Mit Podcasts wird in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts erstmals massiv Wahlberichterstattung gemacht. Außerdem bieten sie den Protagonisten des politischen Betriebs eine Bühne. Für die erste Staffel seines Interviewformats erhielt Ulrich Wickert einige Anfragen von Politikern, auch aus der Regierung, die gerne mal bei »Wickert trifft« zu Gast sein wollten. Für die zweite Staffel, die gerade angelaufen ist und mitten in die heiße Phase des Bundestagswahlkampfs fällt, hat Wickert sich deshalb einen besonderen Ansatz überlegt: »Im Augenblick suche ich mir speziell Leute aus, die nicht die Kandidaten sind, aber das Programm erklären können.«

Währenddessen wählt Eva Schulz den gegenteiligen Ansatz: Bei ihr waren alle drei Spitzenkandidat:innen zu Gast. So wurde in »Deutschland3000« allerdings auch das Dilemma deutlich, was sich nicht zuletzt auch in den TV-Triells beobachten ließ: Es ist keine dankbare Aufgabe, Anwärter:innen aufs Kanzleramt zu interviewen. Obwohl Schulz, die amtierende Trägerin des deutschen Podcast-Preises als beste Interviewerin, ihre Sache gut macht, wenn sie zum Beispiel Baerbock fragt, ob diese früher beim Fußball eher Foul gespielt hat oder die Gefoulte war. Weil auf die gewitzte Frage aber nur eine weitere vorformulierte Wahlkampfbotschaft als Antwort folgt, ist das Frustrationspotenzial auch bei den Hörer:innen kein geringes.

Aber unabhängig von der Qualität der Interviews und Inhalte haben junge Menschen, vor allem Erstwähler, auch dank der immer vielfältiger werdenden Polit-Podcast-Landschaft, so große Möglichkeiten zur Informationsgewinnung wie nie zuvor. Denn die nahende Bundestagswahl macht sich in diesen Tagen auch bei den Releases bemerkbar. Der NDR stellt in »Menschen vor der Wahl« u. a. eine Forscherin in der Arktis, einen Schweinemäster, eine Soldatin und einen Multimillionär vor und fragt: Was bewegt diese Menschen vor der Wahl? Außerdem können Nostalgiker:innen oder Geschichtsnerds mit dem »Kanzlercast« in der Vergangenheit schwelgen, was ja durchaus zum parteipolitischen Erkenntnisgewinn in der Gegenwart beitragen kann. Bei »In Your Face« treffen im Duell »Links gegen Konservativ« mit Kevin Kühnert (SPD) und Wiebke Winter (CDU) derweil zwei Nachwuchstalente aufeinander. Darüber hinaus reicht die Bandbreite der regelmäßigen Shows von lokal (Beispiel: »Wahlkreis Ost – der MDR-Podcast zur Bundestagswahl«) bis überregional (im WELT-Podcast »Machtwechsel« diskutieren Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander).

Auch ideologisch ist im politischen Podcast-Portfolio längst alles vertreten. Aufschlussreich ist in dem Zusammenhang eine Media-Control-Erhebung zum Thema: Bei den meistgehörten Podcasts zur Wahl lagen in der vergangenen Woche »Allgemein gebildet« von Ralph Ruthe & Sally Lisa mit der Folge »Asyl und Migration – Parteiprogramm-Check | Die Bundestagswahl #BTW2021« auf Platz 1 vor dem bekennenden Rechtsausleger Roland Tichy, der in »Tichys Einblick« die Chancen der CDU analysiert. Auf Platz 3: »DIE ZEIT: Hinter der Geschichte« mit »Der Überraschungskandidat. Die Methoden des Olaf S.«, gefolgt von »Auf den Punkt« mit »Warum Olaf Scholz sich nur noch selbst schlagen kann« auf Platz 4 und »Politik« von detektor.fm mit »Generation Wahl-O-Mat: Was soll ich wählen?« auf der 5. Apropos Wahl-O-Mat: Wer sich in diesen Tagen auf die Podcast-Startseite bei Spotify begibt, bekommt folgerichtig einen Button angezeigt, dessen Link direkt zur digitalen Wahlentscheidungshilfe führt.

Auffällig ist allerdings auch: Baerbock (»Auf dem Weg«) und Lindner (»1 Thema, 2 Farben«, s. o.) gönnen sich zwar ihre eigenen Produktionen, die Spitzenkandidaten von Union und SPD aber zum Beispiel nicht. Eignen sich Podcasts also doch nicht so gut als Wahlkampf-Tool? Fragen sich auch die Kollegen vom »Deutschlandfunk« verwundert, schließlich biete das Medium doch eigentlich alles, was sich eine Kanzlerkandidatin nur wünschen könnte: »Viel Platz für wortreiche, in die Tiefe gehende Gespräche, man kann sich nahbar und menschlich geben – und all das mit vermeintlich geringem Produktionsaufwand. Oder?«

Ulrich Wickert und »der Versuch eines Porträts«

Sein Format könne in gewisser Weise mehr leisten als die gewohnte Berichterstattung im Fernsehen, sagt Ulrich Wickert: »Das Hören regt sehr viel mehr die Fantasie an als das Hören und Sehen.« Beim TV-Interview werde man stärker abgelenkt, indem man sich die interviewte Person anguckt oder darauf achtet, was im Hintergrund passiert: »Beim Podcast muss ich mich darauf konzentrieren, was gesagt wird und dies dann sofort verarbeiten«, so Wickert. »Daraus muss ich mir dann auch selbst Bilder machen.« Dabei sorgt die Reduzierung auf die Stimme unabhängig von allen Wahlkampffloskeln für eine persönlichere Ansprache der potenziellen Wähler:innen.

Natürlich gibt es auch in seiner Herangehensweise als Host eines Podcast für Wickert rein handwerklich andere Dinge zu beachten als im Fernsehen. Früher bei den »Tagesthemen« hätten seine Interviews vier, fünf Minuten gedauert, heute gehe er davon aus: »Eine Stunde sollte es schon sein.« Seine Show sei auch »der Versuch eines Porträts« des jeweiligen Gastes über das Gesagte.

Trotzdem verwundert es, dass nicht deutlich mehr Kandidat:innen bereits im Vorfeld des Wahlkampfs das Narrativ selbst in die Hand genommen und versucht haben, die Bürger:innen über einen eigenen Podcast zu erreichen, was schließlich deutlich weniger Aufwand vermuten ließe als die Tingel-Tour durch Länder und Kommunen, die zwar Bürgernähe suggeriert – andererseits: Näher als direkt ins Ohr der Wähler:innen geht es auf diese Weise auch nicht. Eine Rolle spielt hier sicher die begrenzte Reichweite: Jeder Fünfte hört in Deutschland einmal pro Woche einen Podcast, davon sind aber nur zehn Prozent an Tagespolitik interessiert. Demgegenüber bieten Podcasts den Politiker:innen wiederum eine selbstbestimmte Möglichkeit, sich von einer Seite zu zeigen, die im normalen Nachrichtengeschäft meist verborgen bleibt.

In den USA hat es Hillary Clinton im Wahlkampf 2016 mit ihrem Format »With her« vorgemacht. Den Sieg gegen Donald Trump hat ihr der Podcast letztlich zwar nicht bescheren können, aber der persönliche Ansatz und der verhältnismäßig ungeschönte Blick hinter die Kulissen des Alltags einer Berufspolitikerin gefiel dem Publikum gut genug, um »With her« schon mit der zweiten Folge an die Spitze der US-Podcastcharts zu befördern.

Passt die Intimität eines Podcasts zur politischen Kultur in Deutschland?

Aber passt diese Art der Intimität womöglich überhaupt nicht zur politischen Kultur in Deutschland? Schließlich spielen die persönlichen Geschichten von Kandidat:innen und ihr Werdegang zum Beispiel in den USA eine viel größere Rolle als hierzulande. Politikberater Martin Fuchs, der die CDU-Fraktion im sächsischen Landtag bei der Umsetzung eines Podcasts begleitet hat, erkennt diese kulturellen Unterschiede im Interview mit dem »Deutschlandfunk« ebenfalls an, aber: »Nichtsdestotrotz glaube ich schon, dass Podcast auch für einen Wahlkampf ein Format wäre, das man gut inszenieren könnte, wo man auch Kandidat:innen gut inszenieren könnte.« Ein Rauschen im Hintergrund oder ein nicht besonders professionelles Mikro, wie es in Baerbocks Podcast schon mal vorkommt, macht es für Fuchs dabei aus: »Ich bin jetzt (…) Armin Laschet oder Christian Lindner und nehme euch mit in die 18, 19 Stunden Hardcore-Wahlkampf (…) und zeige euch mal, wie das ist als Spitzenkandidat, und hechele da von einem Termin zum anderen ins Mikro – das kann ich mir schon cool vorstellen.«

Fest steht: »Bild«, »BamS« und Glotze haben 2021 mit Podcasts eine omnipräsente und zeitgemäßere Konkurrenz erhalten, deren Möglichkeiten noch lange nicht ausgereizt sind. Abgesehen davon sollte man das Schröder-Zitat aber ohnehin mit Vorsicht genießen – schließlich hat sich der Altkanzler höchstselbst Jahre später in einem Interview mit besagter »Bild«-Zeitung von seinem Bonmot distanziert: »Erstens habe ich es gesagt und zweitens ist es nicht richtig – und zwar aus folgenden Gründen: Zum einen braucht man mehr zum Regieren, es sollte schon etwas intellektueller sein, und zum anderen: ›Bild‹ war ja immer GEGEN mich …« Das hätte ihm mit einem eigenen Podcast nicht passieren können. Wobei: Den hat Schröder inzwischen sogar. Nur spielt er in diesem Wahlkampf halt keine Rolle.

Tim Sohr

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